Der Dot-com-Tod als Hollywood-Komödie
Die spektakulärste Pleite der New Economy zu verantworten reicht den beiden Boo.com-Gründern offensichtlich nicht aus.
Die 300-Millionen-Euro-Pleite war zwar nicht unbedingt repräsentativ für den Dot-com-Boom, ist aber auf dem besten Weg das Image dieser Periode für die Nachwelt zu prägen.
Boo.com-Initiatoren und -Chefs waren das schwedische Ex-Model Kajsa Leander und ihr Landsmann Ernst Malmsten, der sich vor Boo.com als Literatur-Kritiker verdingte.
Im November wird zunächst ein Buch erscheinen ["Boohoo.com"], in dem das Duo die Firmengeschichte aus ihrer Sicht erzählt, danach dürfte die standesgemäße Hollywood-Verfilmung nicht lange auf sich warten lassen: Die Filmrechte wurden dem Vernehmen nach schon für "eine sechsstellige" Dollar-Summe an Vivendi-Universal verkauft.
Das erst 18 Monate zuvor gegründete und nur sechs Monaten im Netz aktive Boo.com erklärte sich im Mai 2000 für zahlungsunfähig. Boo.com galt bis kurz davor noch als eines der gewinnträchtigsten Online-Handelsunternehmen in Europa. Die beiden Eigentümer, Leander und Malmsten, äußerten ihr "tiefes Bedauern", dass keine zusätzlichen Finanzmittel für die Rettung der Firma gefunden werden konnten. Das Unternehmen hatte vor allem Sport- und Trendmode verschiedener Anbieter im Programm.
Boo.com ist pleiteDie drei Cs
Die beiden Protagonisten und Erzähler der "großen Dot-com-Saga" sind allerdings alles andere als vetrauenswürdige Chronisten, nach eigenen Aussagen kam und kommt es ihnen vor allem darauf an, ein Luxusleben zu führen und im Rampenlicht zu stehen.
Dementsprechend werden auch im Vorfeld des Buchs neue Details aus der Boo.com-Geschichte kolportiert, die sich zwar gut erzählen lassen, aber ziemlich abwegig klingen - und trotzdem auf dem besten Weg sind das Bild der Boom-Ära der New-Economy in der kollektiven Erinnerung zu prägen.
So sollen Leander und Malmsten in der letzten Boo.com-Phase nicht weniger als 40 Gurkhas als persönliche Bodyguards angeheuert haben, da sie davon überzeugt waren, dass ihr Unternehmen mehr als Milliarde USD wert wäre.
Diese Schutztruppe soll den beiden Pleitiers noch Wochen nach dem Bankrott treu gedient haben und unter anderem die Liquidatoren von KPMG in dieser Zeit schlicht am Betreten der Boo.com-Büros gehindert haben.
"Champagne, Caviar and the Concorde"
Ein Boo.com-Systemanalyst erklärte kurz nach der Pleite gegenüber
dem "London Telegraph" die Ausgaben des Unternehmens so: "Während
der ersten neun Monate wurde die Firma nach den Regeln der drei Cs
geführt: Champagner, Caviar und Concorde. Man bekommt eben nicht oft
130 Millionen Dollar zum Ausgeben. Es hat wirklich Spaß gemacht."
Die Summe des "verbrannten" Kapitals stellte sich später dann
allerdings als noch höher heraus. Andere Ex-Angestellte hielten
zudem auch eher "Cocaine" statt "Caviar" für Firmen-typisch.
"Champagner, Caviar und Concorde"Fallt nicht auf uns herein
Dem Verlag des kommenden "Boohoo.com"-Buchs, Random House, wird es unterdessen selbst von Wirtschaftkreisen leicht gemacht, die beiden Rekord-Pleitiers als Gurus ihrer Ära zu verkaufen:
Seit dem Konkurs und bis heute sind Leander und Malmsten als - gut bezahlte - Kongress- oder Business-Dinner-Redner sehr gefragt. Dabei scheinen sie von Ex-Hackern gelernt zu haben, die sich teuer an die Wirtschaft verkaufen. Ihre Vorträge bestehen vor allem aus der Warnung davor, Menschen wie sich selbst Kapital anzuvertrauen.
Und da selbst die Geschädigten fleissig zum Ruhm und Ansehen der beiden Boo-Blender beitragen, fällt es diesen nicht schwer ihren Größenwahn weiter zu pflegen: Als Kandidaten für die Hauptrollen der Verfilmung ihres Buchs sähen sie gerne Ed Norton und Cameron Diaz.
Die US-Modeplattform Fashionmall, die die Trademarks des bankrotten Boo.com erworben hat, verkauft unter dem Namen nicht selbst Kleidung, sondern stellt nur den Rahmen für andere Händler. Ironischerweise dürfte gerade die Pleite dem Namen "Boo.com" den größten Bekanntheitsschub verschafft haben.
Relaunch der stilvollsten Dot.com-PleiteDie Party geht weiter
Einen weitere Party im bewährt verschwenderischen Boo-Style wird es im November zum Erscheinen des Buchs auf jeden Fall geben [In diesem Fall auf Kosten von Random-House].
Leander und Malmsten haben bereits angekündigt, alle Personen, die in dem Buch erwähnt werden, zu der großen Release-Party einzuladen. Leander hat daher auch Kate Moss einen Kurzauftritt in "Boohoo.com" verpasst, da sie das Modell immer schon kennenlernen wollte.
Die Bänker von Goldman Sachs und JP Morgan, die Boo.com das Kapital beschafften, schweigen unterdessen eisern zum Thema und dürften auch trotz Einladung dem glamourösen Ereignis fern bleiben.
