Das Ende der Automatisierungseuphorie
Laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts verdecken die boomenden Umsätze der Anbieter von Automatisierungstechnik, dass in der deutschen Investitionsgüterindustrie der Automatisierungsglaube zunehmend einer nüchternen Einschätzung weicht.
Kleinere Seriengrößen und starke Veränderungen der Umsätze machen demnach die Grenzen der klassischen Automatisierung deutlich. Die Lösung des Dilemmas scheint den Wissenschaftlern weniger eine Frage der Automatisierung, vielmehr eine Frage der Organisation und Logistik zu sein.
Laut der Studie haben bereits mehr als ein Drittel der etwa 1.000 untersuchten Betriebe mit hoch automatisierten Anlagen das Niveau der Automatisierung in ihrer Produktion gesenkt oder planen das. Wichtigster Grund ist dabei die zu geringe Flexibilität dieser Anlagen.
Die Erhebung wurde vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung [ISI], Karlsruhe, vorgenommen.
Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung"Overengineering"
Laut der Studie weichen derzeit vielerorts hoch automatisierte Produktionseinrichtungen Systemen mit deutlich geringerem Automatisierungsgrad.
Berücksichtigt man, dass es Entscheidungsträgern schwer fallen dürfte, Fehlentscheidungen offen zuzugeben, ist der Umfang des in der Industrie vorhandenen "Overengineering" bemerkenswert.
Das Ausmaß übertriebener Automatisierung variiert dabei erheblich: 38 Prozent der Firmen bezeichneten ihre hoch automatisierten Materialfluss-Systeme in der Montage als Fehlinvestition. Bei den hoch automatisierten Bearbeitungsmaschinen liegt der Wert immerhin noch bei 23 Prozent. Dabei schossen große wie kleine Betriebe gleichermaßen über das Ziel hinaus. Das Institut für Fabrikanlagen der Universität Hannover war ebenfalls an der Studie beteiligt.
Institut für Fabrikanlagen der Universität HannoverMehr Flexibilität gefragt
Zwei Drittel der Firmen, die unzufrieden sind, gaben an, dass die kleiner werdenden Seriengrößen mit den Anlagen nicht mehr wirtschaftlich zu bewältigen seien.
Eine unzureichende Flexibilität der Kapazitäten folgt als Grund auf Rang zwei. Besondere Schwierigkeiten haben Betriebe mit einer innovativen Produktpalette.
Hier gibt es erhebliche Probleme bei Montagestationen und beim Materialfluss in der Fertigung. Kurze Innovationszyklen bilden offensichtlich die Grenze der wirtschaftlichen Automatisierung.
Qualitätsfrage
Die Qualität der hergestellten Produkte leidet bei Reduzierung der Automatisierung laut der Studie nicht.
Für Firmen, die ihren Automatisierungsgrad reduziert haben, konnten die Wissenschaftler mit einer Ausschussquote von 4,1 Prozent sogar bessere Werte ermitteln als für Firmen, die weiterhin ihre hoch automatisierten Anlagen betrieben. Diese weisen einen Wert von 5,1 Prozent auf.
Für Betriebe mit hoch automatisierten Anlagen ermittelten die Wissenschaftler ferner keine signifikant höhere Wertschöpfung pro Mitarbeiter. Die Werte liegen jeweils um die 65.000 Euro. Das gilt auch für Betriebe ohne Automatisierungslösungen. Die Zahlen machen deutlich, dass Probleme bei der Automatisierung die gewünschten Produktivitätsgewinne oftmals wieder aufzehren.
