08.08.2001

ANGST

Bildquelle: PhotoDisc

Technik-Paranoia tobt in Deutschland

Ein besonders bemerkenwertenwerter Fall, in dem es wahrscheinlich um eine kollektive Technologie-Psychose oder aber um ein USP [unbekanntes Schall-Phänomen] geht, wird aus Deutschland gemeldet:

"Hunderte Bürger" in Baden-Württemberg werden derzeit angeblich in der Nacht von "einem mysteriösen Brummton" um den Schlaf gebracht. Viele leiden an Herzrasen und Müdigkeit bei einem gleichzeitigen Gefühl von Erregung und unkontrolliertem Muskelzittern.

Das baden-württembergische Landesumweltamt tut die Betroffenen, die vom Bodensee bis Heidelberg über das Phänomen berichten, allerdings nicht als Spinner ab.

In den kommenden Tagen beginnt nun der Physiker Heinrich Menges von der Karlsruher Landesanstalt für Umweltschutz in zehn von 300 ausgewählten Haushalten mit der Untersuchung des Phänomens.

Paranoia regiert

Glaubt man den Machern der Site raum-und-zeit.de, dann sitzen die Schuldigen des quälenden Brummens in Alaska.

Dort haben US-Militärs im Projekt HAARP angeblich eine "gigantische Energieschleuder zur Aufheizung der Ionosphäre gebaut, um dort niedrigfrequente elektromagnetische Wellen als Superwaffe und zur weltweiten Kommunikation mit ihren U-Booten zu erzeugen".

Aufklärung

Eine Bewertung der Waffen-"Theorie" ist dem Physiker Menges nicht zu entlocken: "Wir beginnen mit dem Wahrscheinlichen und lassen das eher Spekulative zunächst außen vor", sagt er höflich.

Deshalb benutzt der "Ghostbuster" bei der Jagd nach dem Brummton auch keine "Skalarwaffe", sondern banale Mikrofone und Erschütterungssensoren, die im tieffrequenten Bereich arbeiten.

Denn tiefe Brummtöne können von überall herrühren: von Dieselmotoren, Flugzeugen, Wasserfällen oder von Kompressoren wie in Kühlschränken und Klimaanlagen, erklärt Menges. Aber auch der Wind über Schornsteinen kann diese zu gigantischen Orgelpfeifen werden lassen.

Das menschliche Ohr registriert tiefe Töne bis hinunter zu einer Frequenz von 20 bis 40 Hertz [Schwingungen pro Sekunde]. Die Mikrofone, die die Brummtonjäger nun einsetzen werden, reichen bis acht Hertz, und die Sensoren, die Erschütterungen am Fundament der Häuser registrieren sollen, reichen gar bis drei Hertz. Das ist deshalb wichtig, weil die inneren Organe des Menschen von Frequenzen mit sechs bis zwölf Hertz zum Schwingen angeregt werden können und dann diese Töne "hören".

Massenpsychose auch in New Mexico

Wegen der Wahrnehmung des Brummens über Ohr und Bauch glaubt Menges zunächst an Schallwellen als Ursache. Elektromagnetische Strahlung wie etwa von Handys schließt der Wissenschaftler aus, weil deren Strahlungsintensität viel zu gering sei.

Bis in den Herbst hinein sollen nun die Messreihen dauern. Schließlich reichen tiefstfrequente Töne, so genannter Infraschall, kilometerweit und durchdringen selbst dicken Beton - eine Richtungsortung ist dabei aber äußerst schwer.

Und ob die Wissenschaftler Auskunft geben können, warum das Phänomen im Südwesten erst seit knapp zwei Jahren geschildert wird, ist ebenfalls offen. Zu große Erwartungen schränkt selbst Menges ein: Anfang der 90er Jahre gab es in der

Kleinstadt Taos im US-Bundesstaat New Mexico ein vergleichbares Brummen. Alles sei damals gemessen worden - ohne Erfolg.