Kehraus im Techno-Land
Im Silicon Valley werden die purzelnden Börsenkurse zur krassen Realität: 73.000 Computerexperten sind in den vergangenen 12 Monaten auf der Strasse gelandet. Die Stimmung hat den Nullpunkt erreicht, selbst bei jenen, die nicht direkt in der Netzindustrie tätig sind.
Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Field Poll befürchtet jetzt mehr als die Hälfte der kalifornischen Bevölkerung, dass sich ihre finanzielle Situation im Laufe des Jahres drastisch verschlechtern wird. Das letzte Mal erreichte das Stimmungsbarometer diesen Stand 1990, als in den Vereinigten Staaten eine große Rezession begann.
Kristin Kern, Managing Editor des Technologie-Kult-Magazins Wired im Interview:
"Der Abschwung an den Märkten ist natürlich tragisch für die Investoren. Und auch bei uns haben die purzelnden Aktienkurse zu geringeren Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft geführt. Die Internet- und die Börsenflaute darf aber nicht in ein Todesurteil für die gesamte Technologiebranche ausarten. Vielleicht liegt ja gerade hier die Lehre, die wir aus der Baisse ziehen können: Wir haben in den vergangenen Jahren fast vergessen, wie viel Veränderung die technologischen Errungenschaften in das Leben der Menschen gebracht haben. Alles wurde bloß noch an den wirtschaftlichen Aspekten gemessen. Dabei sind die sozialen und kulturellen Umwälzungen meiner Ansicht nach doch viel maßgebender."
Loser Power
"Der kalifornischen Wirtschaft geht es immer noch so gut wie selten zuvor in der Geschichte." John Quigley, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Berkeley glaubt, dass den Hiobsbotschaften viel zu viel Bedeutung beigemessen wird. Die offiziellen Statistiken geben ihm recht. Danach liegt die Arbeitslosenrate im Silicon Valley mit gerade mal 2,3% immer noch weit unter dem nationalen Durchschnitt. Und: Kalifornien bleibt - mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1,3 Billionen Dollar - auch weiterhin die fünftgrößte Wirtschaft der Welt.
Die gestrandete Internet-Generation aus dem Silicon Valley scheint den Glauben an bessere Zeiten ebenfalls nicht ganz verloren zu haben. Bei allem Frust, bei aller Enttäuschung. Die meisten sprechen von "Loser Power", was so viel heißt wie: Wenn du ganz unten bist, kann es nur noch bergauf gehen. Hier und da ist sogar ein Anflug von verhaltender Aufbruchstimmung zu verspüren.
Krise als Chance
David Blumberg, der seit langem Risikokapital für junge Unternehmen bereitstellt, ist zwar mit seinen Investitionen viel vorsichtiger geworden, doch auch er wittert bereits Morgenluft:
"In gewissem Sinne ist die Krise vielleicht das beste, was uns passieren konnte. Allen Misserfolgen zum Trotz: Diese junge Generation hat schon jetzt so viel Berufserfahrung gesammelt wie ihre Eltern in einem ganzen Leben. Wenn sie nun noch bereit ist, aus den Fehlern zu lernen, dann werden wir die besten Unternehmensgründer kriegen, die es je gegeben hat. Der Standort Kalifornien bietet ihnen auch die idealen Voraussetzungen. Zum einen sitzen hier die renommiertesten Universitäten des Landes. Zum anderen hat der Staat auch seit jeher Wagemutige aus aller Welt angezogen: der Wilde Westen, der Goldrausch... Wer hierher kommt, der hat Träume und will diese um jeden Preis verwirklichen. Ich sage ihnen: Die Zukunft für das Silicon Valley bleibt sehr, sehr vielversprechend."
Silicon Valley, das liest man oft in Artikeln von Menschen, die den "heiligen Ort" besucht haben, ist gar kein Valley, sondern eine nicht immer ansehnliche Streusiedlung. Eine Mischung aus Industriezone Vösendorf und Salmansdorf. Wie auch immer, Silicon Valley wurde zur Trademark, zum Synonym für die HighTech-Traumfabrik und schnellen Reichtum. Vom Silicon Valley aus schien die Welt umgedreht zu werden. Wer im 21. Jahrhundert mitreden wollte, der musste ins gelobte Valley ziehen. Heute klagen die Firmen hier über Engpässe am Strommarkt und die Stromlieferanten über unbezahlte Rechnungen. Das einst pulsierende Mekka der Internetindustrie singt im Jahre 2001 den Blues.
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