Vom Internet-Hype zum Anti-Hype
Früher predigte der New Yorker Internet-Theoretiker Douglas Rushkoff von der befreienden Kraft des Internets für das Individuum. Heute brütet der 39-Jährige über die schnelle Wandlung, die das Internet durchgemacht hat.
Er musste eingestehen, dass das Netz der Netze genauso wie jedes andere Medium davor von der Industrie und den großen Konzernen zu ihren Zwecken missbraucht wird. Und zwar vor allen Dingen durch Werbung.
Douglas Rushkoff im Interview
"Das ist eine amerikanische Philosophie, aber eine Philosophie,
die in den Vorstandräumen von grossen Konzernen geboren wurde und an
die Amerikaner durch die fortgeschrittensten Propagangainstrumente
weitergegeben wurde, die die Menschheit kennt. Es ist nicht die
Schuld des einzelnen, dass er in diesen Werbungs- und
Individualismus-Kult hineinverführt worden ist. Wenn man sich das
Fernsehen und das Internet anschaut, und wie jeder darin versunken
ist, wie soll man sich da entziehen? Wir sind dem ständig
ausgesetzt, ausser vielleicht beim Sex. In diesen Momenten wacht man
auf von diesem Medienzirkus und denkt sich, es gibt noch mehr als
das."
rushkoff.comDie blinde Begeisterung ist vorbei ...
Zu den Kritikern, die den beinahe religiösen Technologie-Enthusiasmus der amerikanischen Internet-Apologeten durchbrechen, gehört auch der Juraprofessor Cass Sunstein, der an der Universität Chicago lehrt.
In seinem Buch "Republic.com" warnt er davor, dass das Internet die Gesellschaft spalten könnte. Sunstein glaubt, dass das Internet dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren.
Die unerschöpflichen Möglichkeiten, sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben, verstellen den Blick für andere Meinungen und führen im Extremfall zu Radikalisierung und Intoleranz. Sunstein ortet eine Entwicklung, die bedrohlich für die Demokratie werden kann.
Cass Sunstein im Interview
"Manche Amerikaner denken, dass es keine Probleme gibt, solange
sie ihren Lebensstil frei wählen können. Das bezweifle ich. Denn
damit eine Demokratie gut funktioniert, müssen sich die Leute mit
Dingen auseinandersetzten, die sie nicht bewusst auswählen. Sonst
haben wir keine Demokratie, sondern ein System von abgeschotteten
Gruppen, die nicht miteinander reden."
republic.comNoch vor zwei Jahren war das Internet das Coolste, worüber in den Zeitungen geschrieben wurde. Nicht nur die Wirtschaft versprach den Konsumenten das Blaue vom Himmel herunter, sondern auch Politologen und Kommunikationstheoretiker beschworen die demokratisierende Kraft des neues Mediums. Doch mit dem Absturz der Dotcom-Industrie scheinen sich auch die Philosophen eines anderen besonnen zu haben. Allen voran Douglas Rushkoff und Cass Sunstein. Diese beiden Intellektuellen aus den USA, die nun die negativen Seiten des Internets hervorkehren, kamen in Matrix zu Wort.
Matrix - Computer & Neue Medien
