27.05.2001

M@TRIX FORUM

Bildquelle: PhotoDisc

Die Pioniere der "Cybernation"

"Die Menschheit steht sozusagen nur kurz auf, um sich gleich wieder hinzusetzen." Dieser schöne Ausspruch stammt von TU-Professor Heinz Zemanek, jenem Mann, der das "Mailüfterl", den ersten Computer in Österreich konstruierte.

"Roboter und Gesellschaft" lautete der Titel seines Vortrags aus dem Jahr 1965, in dem er sich mit der damals brennenden Frage auseinandersetzte: Wer ersetzt wen? Die Maschine den Menschen oder der Mensch die Maschine?

In den 50er und 60er Jahren wurde das Wort Automation dabei für so ziemlich alles verwendet, was mit Hilfe von Strom betrieben werden konnte.

Locher, Prüfer, Sortierer, Codierer, Programmierer, Analysierer oder Maschinenoperatoren hießen damals die neuen Jobs mit sicherer Zukunft.

Heute, 40 Jahre später, meint Peter Kopacek, der das Institut für Handhabungsgeräte und Robotertechnik in Wien leitet, wäre die Verwendung des Wortes Automation eher peinlich. Zumindest wenn man damit den Einzug der Roboter und Computer in die Fabriken, Büros und in den Alltag meint.

Cybernation statt Automation

Im angelsächsischen Raum galt in den 50er und 60er Jahren der Industrielle Sir Leon Bagrit als der Apologet der Automatisierung. Er wurde 1964 von der BBC eingeladen eine Serie zu diesem Thema zu gestalten.

Er plädierte dafür- ohne sich selbst daran zu halten - anstatt "Automation" das Wort "Cybernation" zu verwenden. Denn nur dann würden die Menschen begreifen, dass der Einzug der Computer und Roboter in die Fabriken viel mehr bedeutet, als der Einsatz des Fließbandes.

Es gehe nicht mehr nur darum mechanische Arbeiten von Maschinen verrichten zu lassen, sondern um die Kontrolle der Produktion mit Hilfe von Information. Kybernetik eben.

Sir Leon Bagrit, The Age of Automation. The BBC Reith Lectures 1964.

"Ich bin mit dem Wort "automation" nicht zufrieden, weil es mit "automaticity" zu tun hat. Und das setzt Mechanisierung voraus: was soviel bedeutet wie: Ausschalten des Denkens, repetitive Bewegungen: Das ist das genaue Gegenteil von "automation". Ich bevorzuge daher das Wort "cybernation", weil es sich auf Informationstheorie und Kontrolle bezieht. Und das steckt wirklich hinter "automation".

Computer Ad Absurdum

Die Diskussion der 50er und 60er Jahre zeigt, dass die Probleme und Folgen der Technik damals genauso diskutiert wurden, wie heute. Nur das Vokabular hat sich ein wenig verändert.

Aus Cybernation wurde Cyberspace. Aus automatisch interaktiv. Und manche Aktivisten, die in den 70er Jahren als Maschinenstürmer bezeichnet wurden, würden sich heute Netzkünstler nennen.

So sorgte damals eine Vereinigung aus New York für internationales Aufsehen. "Computer Ad Absurdum", kurz CAA, nannten sich die Aktivisten, die gegen die zunehmende Automatisierung in allen Lebensbereichen mobil machten.

Ein Bericht über CAA. Ö3-Archiv, 1970

"Die Mitglieder von 'Computer ad Absurdum", kurz CAA, wollen sich gegenüber Elektronengehirnen ihre menschliche Individualität bewahren. Um dies zu erreichen, zwingen sie die Firmen, die ihnen als Beleg für bezahlte Rechnungen, Lochkarten schicken, persönlich gehaltene Briefe zu schreiben. Dies geschicht dadurch, dass die Mitglieder entweder den Rechnungsbetrag nicht vollständig begleichen, zuviel bezahlen oder sonstwie bewußt Fehler machen. Angesichts dieser Sachlage sehen sich die Firmen tatsächlich gezwungen, Briefe jener Art zu schreiben, die nicht von Computern erledigt werden können. Es kommt auch vor, dass die Mitglieder von CAA mit Messern oder Rasierklingen zusätzliche Löcher in die Lochkarten schneiden, um auf diese Weise die Computer irrezuführen und deren Arbeit zu sabotieren. Wie man sieht, die Maschinenstürmer sind auch in unseren Tagen noch nicht ausgestorben."