Vom Streichquartett zum Soundfile
Mit einer neuen Perspektive für seine zukünftigen Jahresprogramme hat heute der Klangturm in der niederösterreichischen Hauptstadt St. Pölten als "Zentrum für elektronische Musik" eröffnet.
Unter der künstlerischen Leitung von Roland Schöny soll der Klangturm zu einer dynamisch verstandenen Entwicklungs- und Vermittlungsplattform für die Sounds der Gegenwart und deren mediale Aspekte werden.
Der Eröffnungstag wurde unter anderem mit einem Konzert des Gameboy-Orchesters, der Erstpräsentation einer Komposition von Jason Kahn und einem Heurigen in der "Pension Midi" begangen.
Geplant wurde der Klangturm in den 90er Jahren als weithin sichtbarer Markierungspunkt im damals neuen Regierungsviertel von St. Pölten. Die insgesamt 77 Meter hohe Stahl- und Glas-Konstruktion war von Anfang an als kulturelle Schnittstelle mit avantgardistischem Anspruch gedacht: Im Sinne des Futuristen Luigi Russolo und des Vordenkers neuer Musik John Cage, sollte eine Zentrum für entgrenzte Tonkunst, Klangkunstwerke und Elektronikkompositionen entstehen. Die erste Eröffnungsveranstaltung war 1996. Ihr folgten verschiedene Klangkunst-Ausstellungen und Audio Events. Von Roland Schöny, der im September 1999 zum künstlerischen Leiter bestellt wurde, stammt die Idee, den Klangturm zu einem "Zentrum für elektronische Kunst" weiterzuentwickeln.
Ironisches "Heimatmuseum" ...
Wo die Anfänge Elektronischer Musik liegen und wie Digital Culture zu einem Bestandteil von Pop-Musik wurde, erzählt im Klangturm eine Ausstellung des Künstlerkollektivs monochrom, die in das schillernde Universum von Techno, Electronic-Underground und Synthesizer-Musik führt. Mit Witz und Ironie gewürzt haben monochrom Musikgeschichte in ein skurriles "Heimatmuseum" gepackt.
Der Klangturm richtet sich unter der Leitung von Roland Schöny gezielt auch an junge und sehr junge Besucher. So finden auch die jüngsten Klangturmbesucher eigens für sie eingerichtete Stationen. Für computerbegeisterte Kids wurde eine PlayStation 2 sowie das Spiel "Pyjama Pit" eingerichtet. Außerdem wurden Gameboys in kleine Pocket-Noise-Musikinstrumente umgebaut.
Als wesentliche Neuerung gibt es permanent eine Abfolge von Kompositionen Neuer Elektronischer Musik zu hören.
... und Soundgates
Die Kompositionen stammen von den Musikern Jason Kahn, Patrick
Pulsinger, Michael Northam und Klaus Filip, der Beispiel für einen
neuen Typus von Kulturproduzenten zwischen Informatiker, Musiker und
Künstler ist. Dazu wurden die drei begehbaren und nach außen hin
geöffneten Kugeln des Klangturms mit einem einzigartigen
Lautsprechersystem in loungeähnliche Zonen des Hörens verwandelt. In
allen drei Ebenen oder "Soundgates" sind ständig während der
gesamten Öffnungszeit Kompositionen elektronischer Musik zu hören,
die speziell für die Gegebenheiten des Klangturms geschaffen wurden.
Diese Sounds bilden gewissermaßen die musikalische Wirbelsäule. Als
Herzstück fungiert dabei ein Apple G4 und eine Yamaha Matrix, über
die insgesamt 18 Boxen in den drei Soundgates angesteuert werden.
Kompositionen, die im Klangturm zu hören sein werden könne
gewissermaßen geschichtet abgespielt werden. Das bedeutet, daß die
gleiche Komposition in Soundgate 3 anders klingt als in Soundgate 1.
Soundgates/KompositionenDer Klangturm-Leiter im FuZo-Interview
Im nachfolgenden Interview nimmt Roland Schöny, der künstlerische Leiter des Klangturms, zu seinem künstlerischen Konzept und seinen Plänen für den Klangturm Stellung.
Schöny ist im Hauptberuf Kulturjournalist [u.a. für das ORF Radio und das Musikmagazin "skug"] und war im Vorjahr auch einer der Kuratoren der vielbeachteten
Ausstellung "sounds & files" im Künstlerhaus in WienFuZo
: In Deinem Programm betonst Du die Funktion des Computers als "kreatives Tool" und damit eine Abgrenzung zu Business und Verwaltung. Wie würdest Du generell das - oft als gegensätzlich empfundene - Verhältnis von Kunst und Technik definieren?
Roland Schöny
: Es war immer schon so, dass neue Technologien Kunst und Musik beeinflusst haben. Pop-Musik hat sich als Amplified Music, als elektrisch verstärkte Musik durchgesetzt. Das Plug-In der Gitarre war lange ein pathosbeladener Gestus, der verbunden war mit einer Botschaft Jugendlicher unter 30, die besagte: "Jetzt ist meine Stimme stärker und daher gültig." Das gilt für die gesamten 60's, in denen Pop-Musik ein oppositioneller Ausdruck gegen die kleinbürgerliche Enge in der westlichen Nachkriegswelt war. In den 90er Jahren dagegen wurde der Laptop, zur digitalen Wandergitarre von Musikern. Anstelle des Plug-In, setzte sich auf der Bühne das Aufklappen des Power-Books als symbolbeladene Handlung durch. Ein Phänomen ist, dass praktisch wöchentlich von diversen Medien-Märkten neue Computermodelle nach dem Motto: noch schneller, noch billiger angeboten werden. Da kann man nicht oft genug darauf verweisen, dass diese Dinger auch kulturelle Tools sind, dass Business und Kommerz einerseits und Sound und Visual-Produktion anderseits oft nur einen Mouseclick nebeneinander liegen.
FuZo
: Auf der Klangturm-Website ist im Zusammenhang mit elektronischer Musik von "Anbindungen zur Digital Culture" die Rede. Wie werden diese Anbindungen im Klangturm konkret aussehen?
Roland Schöny
: "Digital Culture" und elektronische Musik wird im Klangturm einerseits in Form eines kleinen, witzigen, skurrill anmutenden Museums repräsentiert, andererseits - neben zahlreichen Computerstationen - durch ein Medienspiel, an dem Besucher mit live eingespielten Radiosounds komponieren können. Es erzählt von Designaspekten im Feld von Bildschirmgestaltung, bringt aber auch kritische Aspekte zum Thema Hitradio. Eine der wesentlichen Botschaften ist auch, dass Musik heute als Soundfile gesehen werden muss. Also auch das Streichquartett, die volkstümliche Musik, Hip Hop oder Rock, da eine der Hauptproduktionsphasen am Bildschirm stattfindet. Zugleich sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, diese Geräte, auf denen normalerweise Bilanzen oder komplizierte Import-Export-Geschäfte berechnet werden, als Musikinstrumente zu gebrauchen wie einstmals Klavier, Flöte oder Gitarre. Dabei sollen auch Menschen, die gewöhnlich nicht mit dieser Welt in Berührung kommen, sehen, daß man zu ganz anderen Ergebnissen als bloss zu simplen Techno-Beats gelangen kann.
FuZo
:Auf der Klangturm-Site ist in diesem Zusammenhang auch von Schüler-Projekten die Rede. Könntest Du ein Beispiel nennen?
Roland Schöny
: Ein Projekt soll mit Lehrlingen der Berufschule St. Pölten stattfinden. Gemeinsam mit den aus dem Jazzbereich kommenden Christoph Czech und Christian Mühlbacher werden sie eine Komposition für den Klangturm mit Sounds aus dem Stadtraum erarbeiten. Es gibt aber auch Computerstationen, wo beispielsweise junge Hacker bekannte Geräte gegen den Strich gebürstet und etwa für Gameboys eine Musiksoftware entwickelt haben. Solche und ähnliche Dinge sollen zeigen, daß ein spielerischer Zugang zu neuen Medien, eine kritische Herangehensweise keineswegs ausschliesst. Ich glaube, dass man durchaus den Versuch unternehmen kann, im Bereich neuer Medien wieder mit dem klassischen Begriff Bildung zu operieren, da sehr oft bloß eine Diskussion über neue technische Möglichkeiten auf dem Digitalsektor diskutiert wird, während sich die Hörgewohnheiten mitunter an sehr konservativen Mustern orientieren. Dabei kann es ungewohnt spannend sein, zu erleben wie sich Sounds und Klange abseits von Songformat oder fünf Liniensystem frei entwickeln.
Der Klangturm in St. Pölten ist bis zum 18. November 2001, jeweils von Di - Fr von 9 bis 18 Uhr und Sa, So und Feiertag 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 50.- ATS. Jugendliche bis 18 Jahren und Gruppen ab 10 Personen zahlen nur die Hälfte. Eine Führung durch den Klangturm kostet den Aufpreis von 10.- ATS.
Klangturm
