Der Poker um die Top-Level-Domains
Wer an die Anarchie und die Unabhängigkeit des Internet glaubt, den belehrt Andy Müller-Maguhn, europäischer Vertreter im Direktorium der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers [ICANN] eines Besseren: "Das jetztige Domain-Name-System ist ein sehr zentralistisches und hierarchisches System, das sich de facto unter Kontrolle der amerikanischen Regierung befindet."
Außer Frage steht, dass die technische Verwaltung des Internets eine gewaltige Verantwortung mit sich bringt. "Von ihr ist die Offenheit des Netzes für jede Art von Kommunikation abhängig", so Francis Gurry, "General Assistant Direktor" der
World Intellectual Property Organisation [WIPO]Amerikanische Dominanz
Die Rolle der amerikanischen Regierung ist seiner Ansicht nach historisch bedingt. "Wir befinden uns heute in einem Prozess, in dem diese Agenden zum Teil auf ICANN übergehen."
Ein Beispiel für eine Entwicklung, die unter weitgehendem Ausschluss europäischer Einflussnahme stattgefunden hat, ist die Entscheidung der ICANN, die schon bestehenden Top-Level-Domains Dot.com, Dot.org und Dot.net weiter von der amerikanischen Firma Verisign/NetworkSolutions betreiben zu lassen, was dem Unternehmen auf unbestimmte Zeit eine marktbeherrschende Stellung sichert.
Gemäß den ursprünglichen Verträgen hätte sich Verisign Mitte Mai von seinem Registrar-Geschäft trennen müssen.
Andy Müller-Maguhn:
"Es gibt hier erhebliche Bedenken aus europäischer Sicht in Bezug
auf einen möglichen Monopolmissbrauch dieser amerikanischen Firma
Network Solutions/VeriSign. Ich teile diese Bedenken in hohem Maße.
Aber offenbar ist man auf Seiten der Europäischen Union nicht
gewillt, hier mit der amerikanischen Regierung einen Streit
anzufangen, während man doch erst einmal friedlich mit Herrn Bush
Tee trinken wollte."
ICANNGefahr des Missbrauchs
Andy Müller-Maguhn kritisiert die strukturelle Verflechtung der Organisation ICANN mit der amerikanischen Regierung. Nicht weil derzeit ein Missbrauch stattfindet, sondern weil eine derartige Struktur zum Missbrauch einlade.
"In einer wirtschaftskriegerischen Auseinandersetzung mit einem Land hätte das fatale Auswirkungen", skizziert Müller-Maguhn die Gefahr, die die Entscheidungshoheit der US-Regierung über ICANN birgt. So könnte beispielsweise kurzfirstig die Datei geändert werden, wo eingetragen ist, welche Landesdomains auf welchen IP-Nummern landen.
"Die Computer würden zwar noch am Netzwerk hängen aber E-Mails würden nicht mehr ihren Weg finden und Webseiten des Landes würden nicht mehr gefunden werden."
Machtinstrumentarium
Wie die "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers"
funktioniert, das hat Andy Müller Maguhn in seiner fünfmonatigen
Amtszeit als Direktor bereits zu spüren bekommen. Er sieht seine
Aufgabe vor allem darin, die Entscheidungsprozesse innerhalb der
Organisation auch dem einzelnen User zugänglich zu machen. Denn
geringe Transparenz und juristische Tricks gehören durchaus zum
Machtinstrumentarium innerhalb der Organisation, erklärt
Müller-Maguhn im Interview mit m@trix.
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