"Internet ist Garantie für Verdummung"
"Ein Internet-Anschluss", sagt Clifford Stoll, "ist die beste Garantie, zum Trottel zu werden."
Die überraschende Ansage stammt von jemandem, der selbst in den siebziger Jahren am "ARPANET", dem Vorläufer des Internet, mitgebastelt hat.
Seine Erfahrungen hat der studierte Astrophysiker nun in einem Buch provokant zu Papier gebracht. Er erklärt darin engagiert: "Warum Computer im Klassenzimmer nichts zu suchen haben".
Und bezieht damit eine klare Gegenposition zur Internet-Euphorie.
Entwicklung statt Informationsflut
Schüler, meint Stoll mit besorgtem Blick in die Klassenzimmer, sollten eher begeistert als unterhalten werden. Schließlich bedeute Lernen die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und nicht nur die Anhäufung von Informationen.
Lernen wie mit Quake und Doom
Doch die Wirklichkeit sieht der 49-jährige Autor anders, und sie bereitet ihm Kopfzerbrechen: "Eifrige Lehrer versuchen sich als Entertainer, Schüler erwarten ein Lernen ohne Arbeit, das Studieren wird zum Computerspiel."
Stolls kurzweilig geschriebene Polemik ist zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für Kreativität, die aus seiner Sicht in der Welt der Computer unterzugehen droht.
Früher war es besser
In sentimentalen Anflügen vermisst er die Fähigkeiten, "vom Platz aufzustehen und vor großem Publikum zu reden oder ein Musikinstrument zu spielen, das Selbstvertrauen zu haben, einem Unbekannten per Telefon etwas anzudrehen, die Gabe, einen Ball zu fangen oder auf einer Party zu flirten".
Depression durch Internet-Kontakt
Große Sorgen bereitet Stoll, der bereits mit "Kuckucksei" und "Die Wüste Internet" Bestseller landete, die Entfremdung von anderen Menschen.
"Depressionen und Einsamkeit, der Verlust enger Freundschaften" - das sei der Preis für ausdauerndes Surfen im Netz - meint zumindest Stoll.
Fernkontakt statt Nähe
Zwar biete sich durch das Medium Gelegenheit für viele neue Bekanntschaften, die meisten von ihnen blieben aber oberflächlich. Und die Zunahme an "Fernkontakten", so zitiert Stoll wissenschaftliche Studien, gehe mit dem Verlust vieler "Nahkontakte" einher.
Computer kostet Dollar und Zeit
Der persönliche Umgang mit Nachbarn, Freunden und Kollegen bleibe auf der Strecke. "Der Preis, den man für einen Home-Computer zahlen muss, ist weit höher, als was die Hardware kostet. Wir bezahlen mit unserer Zeit, der ganz privaten Zeit."
Privat hat sich Stoll diese Erkenntnisse zu Herzen genommen: In seinem Haus ist das Telefon das einzige elektrische Gerät.
