Banges Warten auf Napster-Filter
Mit einer Verzweiflungsaktion möchte Napster einer gerichtlich angeordneten Schließung doch noch entkommen.
Napster will dazu nach eigenen Angaben noch dieses Wochenende eine Filter-Software gegen die Verbreitung von urheberrechtlich geschütztem Material installieren. Dies hatte Napster-Anwalt David Boies bei einer Anhörung am Freitag vor einem Gericht in San Francisco erklärt.
Am Samstag war von der angekündigten Filter-Software allerdings noch nichts zu bemerken. Über 10.000 User saugten bis weit nach Mitternacht [MEZ] fast 2,5 Millionen MP3s - ohne erkennbare Einschränkungen.
Oh my God, they'll kill Napster
In Napster werde ein Hilfsprogramm eingebaut, das zunächst rund
eine Million geschützte Titel ausblende, sagte Napster-Anwalt David
Boies. Weitere Titel würden folgen. Nach Angaben von Napster ist die
neue Software auch in der Lage, Variationen im Titel und bei Namen
der Interpreten zu erkennen und die entsprechenden Dateien zu
blockieren. Der Verband der US-Musikindustrie [RIAA] hatte von
Napster vor allem gefordert, sofort den Tausch der jeweiligen
Billboard Top 100 Singles und der Top 200 Alben zu blockieren.
NapsterGeteilte Reaktionen
Die Vorsitzende des Verbandes der US-Musikindustrie [RIAA], Hilary Rosen, sagte in einer Reaktion auf die neue Software, man nehme Napster bei seinem Bemühen um den Schutz der Urheberrechte beim Wort. Die Screening-Technik habe das Potenzial, effektiv zu sein, aber man müsse noch abwarten, sagte sie.
Napster habe zum ersten Mal zugegeben, dass es technisch möglich sei, geschützte Titel herauszufiltern, so Rosen weiter. Das habe die Tauschbörse im ersten Verfahren noch geleugnet. "Wir sind bereit zu helfen", bot Rosen an.
Der Industrie-Anwalt Russ Frackman sagte dagegen: "Unserer Meinung nach sollte es in diesem späten Stadium [des Verfahrens] keine Verhandlungen über Formate geben."
Die Anwälte der Musikindustrie hatten Richterin Marilyn Hall Patel während der Verhandlung aufgefordert, Napster sofort schließen zu lassen.
Im Interesse von Konsumenten und Künstlern
Am Freitag lehnte die Plattenindustrie gleichzeitig das Angebot von Napster ab, für die nächsten fünf Jahre eine Milliarde Dollar für eine Zusammenarbeit und die Beilegung des Rechtsstreits zu zahlen. Napster solle Honorare mit den Plattenfirmen einzeln aushandeln, entgegnete Rosen.
Napster-Chef Hank Barry rief dazu auf, eine Lösung im Interesse von Konsumenten und Künstlern zu finden. "Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass die Napster-Nutzer die leidenschaftlichsten Musikfans und besten Kunden der Musik-Industrie sind", sagte er.
RIAAZweifel an Software
Unklar bleibt, welche Auswirkungen ein Filtersystem auf die Beliebtheit von Napster haben würde. Napster hat geltend gemacht, dass die Suche nach verbotenen Titeln das System verlangsamen würde.
Experten gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Anwender ein neues Schlupfloch gefunden hätten. Außerdem gebe es noch immer ähnliche Anbieter, die nicht unter der Kontrolle der Gerichte und Plattenfirmen stünden.
Peer-to-Peer is here to stay
Zudem haben sich im Internet zahlreiche Alternativen entwickelt,
die im Gegensatz zu Napster keine zentrale Anlaufstelle benötigen.
Dieses als Peer-To-Peer [P2P] bezeichnete Verfahren gilt als
wesentlich schwerer zu kontrollieren. Der Analyst Malcolm Maclachlan
von der International Data Corp. sagte: "Der Haupteffekt wird sein,
dass die Nutzung von Peer-to-Peer-Netzwerken wie Aimster und
Gnutella wachsen wird."
Die Alternativen im FuZo-ÜberblickEndgültiges Urteil folgt in Kürze
Richterin Marilyn Hall Patel, die am Freitag die Verhandlung nach zweieinhalb Stunden beendet hatte, ohne einen Termin für ihre Urteilsverkündung zu nennen, kündigte unterdessen an, in Kürze eine überarbeitete Fassung ihrer Verfügung gegen das Unternehmen vorzulegen.
In der ersten Verfügung im Juli hatte die Richterin Napster zur Wahrung der Urheberrechte verpflichtet, was zu einer sofortigen Schließung von Napster geführt hätte. Die Tauschbörse hatte dagegen Berufung eingelegt.
"Wir akzeptieren das", räumte Napster-Anwalt David Boies erstmals die Niederlage ein.
