Die Lochkarten-Computer der Nazis
Die gerade anlaufende Dabatte um das Buch "IBM und der Holocaust" zeigt jenseits der Frage nach einer moralischen Schuld IBMs vor allem das ungeheure Missbrauchspotenzial von flächendeckenden Datenerhebungen auf.
Dass erst nach über 50 Jahren die Bedeutung von Datensammlungen für den Holocaust ins breite Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, dürfte weniger an mangelnden Dokumenten oder der Trägheit der Historiker liegen, vielmehr am drastisch gewachsenen Stellenwert der Informationstechnologien.
In seinem Buch "IBM and the Holocaust", das heute erscheint, bezichtigt der Autor Edwin Black IBM der intensiven Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Die IBM-Datenverarbeitung soll den Holocaust demnach beschleunigt oder sogar erst ermöglicht haben. Das Buch "IBM und der Holocaust, die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis" erscheint heute im Propyläen Verlag, Berlin. Es kostet rund 30 Euro.
IBM-Rechner für den HolocaustLochkarten und Datensammler
Historikern ist seit langem bekannt, dass die Nationalsozialisten in großem Umfang Lochkartenmaschinen von IBM verwendeten.
Nazi-Deutschland benutzte die Maschinen im großen Umfang, um Querverweise zwischen Namen, Adressen, Stammbäumen und Bankkonten zu erstellen.
Genau diese Form des Datenmissbrauchs in seiner grauenhaftesten Konsequenz schildert Black in seinem Buch detailliert und anschaulich.
Die Hollerith-Maschinen
Die Maschinen wurden in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts von
dem deutschstämmigen US-Bürger Hermann Hollerith für Volkszählungen
in den USA entwickelt. Hollerith-Rechner waren bereits vor der Zeit
der Nationalsozialisten weltweit verbreitet. Die Nationalsozialisten
bezogen Black zufolge ihre Geräte zur Datenerfassung fast
ausschließlich von der IBM-Tochter Deutsche Hollerith Maschinen
Gesellschaft [DeHoMaG].
Herman HollerithProfit und das schlechte Gewissen
Black wirft IBM in seinem Buch keinegswegs vor, aus ideologischen Gründen mit Nazi-Deutschland Geschäfte gemacht zu haben.
In den 30er Jahren sei Deutschland über die DeHoMaG vielmehr einfach der weltweit zweitgrößte Markt und der größte Auslandsmarkt für IBM gewesen.
IBM hat das Verlangen der Nationalsozialisten nach immer mehr Möglichkeiten zur Erfassung und Klassifizierung ihrer Gegner und Opfer demnach schlicht aus Profitgründen befriedigt.
IBM-Chef Thomas J. Watson war darüber hinaus allerdings zumindest von Hitler und seinem Regime fasziniert [das Bild zu dieser Geschichte zeigt die beiden]. Aber IBM hat sich nach dem Krieg durchaus von Watsons Position distanziert und ist auch bekannt dafür, großzügig jüdische Organisationen zu unterstützen.
Black zufolge behielt IBM bis 1945 die Kontrolle über die Technologie für die Maschinen, Lochkarten und Einzelteile.
IBM-FirmengeschichteKontinuität
IBMs Rolle bei der Belieferung der Nazis mit Datenverarbeitungs-Technologie wurde schon vor dem Kriegseintritt der USA 1941 durchaus kritisch beobachtet, sogar eine formale Anklage wegen Kollaboration wurde gefordert.
1945 zeigte IBM allerdings seine Stärke als weltweit und flexibel agierender Konzern, indem er seine Techniker ausschwärmen ließ, um die in den Kriegswirren verstreuten DeHoMaG-Maschinen einzusammeln.
Die Siegermächte benötigten nämlich die 2.348 schließlich aufgespürten Maschinen dringend, um Deutschlands Wirtschaft und die Zivilverwaltung wieder in Gang zu bringen. Somit war IBM wirklich "größer als der Krieg".
