12.02.2001

HITLER UND MR. IBM

Bildquelle: AP

Die Lochkarten-Computer der Nazis

Die gerade anlaufende Dabatte um das Buch "IBM und der Holocaust" zeigt jenseits der Frage nach einer moralischen Schuld IBMs vor allem das ungeheure Missbrauchspotenzial von flächendeckenden Datenerhebungen auf.

Dass erst nach über 50 Jahren die Bedeutung von Datensammlungen für den Holocaust ins breite Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt, dürfte weniger an mangelnden Dokumenten oder der Trägheit der Historiker liegen, vielmehr am drastisch gewachsenen Stellenwert der Informationstechnologien.

Lochkarten und Datensammler

Historikern ist seit langem bekannt, dass die Nationalsozialisten in großem Umfang Lochkartenmaschinen von IBM verwendeten.

Nazi-Deutschland benutzte die Maschinen im großen Umfang, um Querverweise zwischen Namen, Adressen, Stammbäumen und Bankkonten zu erstellen.

Genau diese Form des Datenmissbrauchs in seiner grauenhaftesten Konsequenz schildert Black in seinem Buch detailliert und anschaulich.

Profit und das schlechte Gewissen

Black wirft IBM in seinem Buch keinegswegs vor, aus ideologischen Gründen mit Nazi-Deutschland Geschäfte gemacht zu haben.

In den 30er Jahren sei Deutschland über die DeHoMaG vielmehr einfach der weltweit zweitgrößte Markt und der größte Auslandsmarkt für IBM gewesen.

IBM hat das Verlangen der Nationalsozialisten nach immer mehr Möglichkeiten zur Erfassung und Klassifizierung ihrer Gegner und Opfer demnach schlicht aus Profitgründen befriedigt.

IBM-Chef Thomas J. Watson war darüber hinaus allerdings zumindest von Hitler und seinem Regime fasziniert [das Bild zu dieser Geschichte zeigt die beiden]. Aber IBM hat sich nach dem Krieg durchaus von Watsons Position distanziert und ist auch bekannt dafür, großzügig jüdische Organisationen zu unterstützen.

Kontinuität

IBMs Rolle bei der Belieferung der Nazis mit Datenverarbeitungs-Technologie wurde schon vor dem Kriegseintritt der USA 1941 durchaus kritisch beobachtet, sogar eine formale Anklage wegen Kollaboration wurde gefordert.

1945 zeigte IBM allerdings seine Stärke als weltweit und flexibel agierender Konzern, indem er seine Techniker ausschwärmen ließ, um die in den Kriegswirren verstreuten DeHoMaG-Maschinen einzusammeln.

Die Siegermächte benötigten nämlich die 2.348 schließlich aufgespürten Maschinen dringend, um Deutschlands Wirtschaft und die Zivilverwaltung wieder in Gang zu bringen. Somit war IBM wirklich "größer als der Krieg".