IBM-Rechner für den Holocaust
In seinem Buch "IBM and the Holocaust", das heute erscheint, bezichtigt der Autor Edwin Black IBM der intensiven Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland.
Die IBM-Datenverarbeitung soll den Holocaust demnach beschleunigt oder sogar erst ermöglicht haben. Außerdem sollen die Geschäftsbeziehungen auch nach Kriegseintritt der USA bis 1945 weiter aufrechterhalten worden sein.
Black kann seine massiven Vorwürfe nach eigenen Angaben mit einer Sammlung von 20.000 Dokumenten belegen und spart insbesondere nicht mit Kritik an IBMs legendärem Chef Thomas J. Watson.
"Hundertausende wurden mit Hilfe von IBMs Lochkartenmaschinen identifiziert, klassifiziert und abtransportiert", zitiert die britische "Sunday Times" Black. Die Zeitung bringt das Buch auch online als Serie. "IBM and the Holocaust" erscheint heute in Großbritannien und den USA im Verlag Little, Brown. Die Dokumente, auf die sich Black beruft, stammen aus Archiven in den USA, Deutschland, Polen, Israel, Holland, Großbritannien und Frankreich.
Auszüge aus dem Buch auf der Site der "Sunday Times"Lochkartenmaschine im Holocaust-Museum
Dass Nazi-Deutschland auch für sensible Aufgaben kommerziell erhältliche Technologien einsetzte, ist durch das Beispiel der Verschlüsselungsmaschine "Enigma" hinreichend bekannt.
Auch der Einsatz von IBM-Geräten im Zusammenhang mit dem Holocaust ist grundsätzlich nichts Neues: Im Holocaust-Museum in Washington ist eine IBM-"Hollerith D-11"-Lochkartenmaschine ausgestellt, mit der Teile der deutschen Bevölkerung erfasst und klassifiziert wurden.
Black beschuldigt IBM darüber hinaus allerdings der zielgerichteten Zuarbeit, bei der der Einsatzzweck der Technologie nicht unbekannt geblieben sein dürfte:
"IBM hat den deutschen Antisemitismus nicht erfunden, aber als Deutschland Juden erfassen wollte, zeigte IBM, wie das ging", so Black.
Und als Deutschland diese Informationen für sein Ausrottungsprogramm verarbeiten wollte, "lieferte IBM die nötigen Mittel", führt Black weiter aus.
Materialien zu IBM-Mitgründer und Erfinder Hollerith sowie frühen Datenverarbeitungs-Maschinen
Herman HollerithGeschäfte im Krieg
Black wirft IBM vor, bis zum Kriegsende in Kontakt mit seinen deutschen Kunden gestanden und zumindestens weiterhin Know-how geliefert zu haben.
Das soll weiterhin über die deutsche IBM-Tochtergesellschaft DeHoMaG [Deutsche Hollerith-Maschinen-Gesellschaft] erfolgt sein, zu der IBM offiziell 1940 jede Verbindung abgebrochen hatte.
Black klagt in seinem Buch insbesondere die "Skrupellosigkeit" des IBM-Chefs Thomas J. Watson an, der die Pläne Nazi-Deutschlands zur Vernichtung der Juden in großem Umfang befördert habe.
Simon Wiesenthal, Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, der das Buch vorab erhielt, sagte laut "Sunday Times", dass Black "beeindruckende Fakten" zusammengetragen habe, die "einen schockierenden Schluss zulassen, der bisher nicht wahrgenommen wurde".
Geschäfte über die Schweiz
Ob das einer kritischen Überprüfung standhält, bleibt abzuwarten.
Allerdings gilt als prinzipiell gesichert, dass viele Geschäfte im
Krieg über die Fronten hinweg [meistens über die Schweiz] weiter
betrieben wurden.
IBM-FirmengeschichteIBM-Tochterwerk in Berlin
Klar ist jedenfalls, dass die Erfassung der gesamten deutschen Bevölkerung, zu der später noch die aus den besetzten Ländern kam, und die Klassifizierung nach den Kriterien der Nationalsozialisten ohne automatisierte Datenverarbeitung nur unzureichend und langsam oder gar nicht möglich gewesene wäre.
Die nötige Technologie konnte IBM über seine deutsche Tochterfirma anbieten. Die DeHoMaG erlebte ab 1933 dementsprechend einen staatlichen Nachfrageboom, der zum Bau einer neuen Fabrik in der Nähe Berlins führte. IBM-Chef Watson wurde für die Investitionen mit einem Verdienstorden mit Stern bedacht.
