Aufstand der Community bei AOL
AOL droht laut einem Bericht des Magazins "Forbes" durch Klagen von Mitarbeitern ein Grundpfeiler seines Geschäftsmodells einzubrechen.
Laut dem Magazin erwirtschaften die freiwilligen Mitarbeiter, die unter anderem Chatrooms moderieren, Postings kontrollieren und Einsendungen auf Viren überprüfen, durch ihre Arbeit letztlich ein Drittel des AOL-Umsatzes von fast sieben Milliarden USD.
Dabei bewegt sich der größte Internet-Konzern der Welt mindestens in einem Graubereich des US-Arbeitsgesetzes und ist damit vor Gericht angreifbar.
Eine Reihe von ehemaligen oder noch aktiven unbezahlten Community-Mitarbietern wollen jetzt mit Hilfe des Anwaltes Leon Greenberg einen Mindestlohn einklagen.
Der Bericht "The Little People vs. America Online" enstand laut "Forbes" in dreimonatiger Recherche. Greenberg wird dabei als David stilisiert, der aus seinem schäbigen Büro ohne Angestellte den Kampf mit dem weltgrößten Medienkonzern aufnimmt.
"The Little People vs. America Online"Kompensation
Im Kern dürfte es bei der gerichtlichen Klärung der Klage darum gehen, ob die Kompensation für die freiwillige Community-Betreuung in Form eines kostenlosen Internet-Zuganges schon eine Bezahlung darstellt und ob diese ausreicht.
In den USA ist die freiwillige Arbeit in profitorientierten Unternehmen grundsätzlich verboten und der Zugang zum Netz hat in den letzten Jahren drastisch an Wert verloren: Derzeit erhalten die Chatarbeiter Leistungen im Gegenwert von exakt 19,95 USD.
Laut "Forbes" hat AOL in den letzten zehn Jahren bis zu 16.000 Freiwillige beschäftigt, wobei besonders heikel sein dürfte, dass diese teilweise erst zwölf Jahre alt waren.
Dabei ist AOL zwar nicht das einzige Unternehmen, das mit freiwillige Leistungen Profit erwirtschaftet, aber wohl das größte. Sollte die Klage erfolgreich sein, drohen deshalb einem wichtigen Teil der Netz-Ökonomie grundsätzliche Umwälzungen.
Die weltgrößte Fusion zwischen dem weltgrößten Online-Dienst AOL und dem weltgrößten Medienkonzern Time Warner wurde am 12. Jänner endgültig genehmigt. Aber die Konsequenzen für die globale Medienlandschaft und die Details des Zusammenwachsens der beiden Unternehmen werfen nach wie vor viele Fragen auf - die auch vom Chor der Kommentatoren und Branchenexperten nicht beantwortet werden können.
Rekordfusion hinterlässt RatlosigkeitArbeitskampf
Die anstehenden Klagen der freiwilligen AOL-Mitarbeiter sind vor dem Hintergrund der Trendwende in der New Economy zu betrachten, die zu einer Neubewertung des Lohnmodells, das oft auf Aktien-Optionen beruht, zahlreichen Entlassungen und einer Gewerkschafts-Offensive geführt hat.
"Forbes" weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die US-Kartellbehörde im Zuge ihrer Untersuchungen zum AOL-Warner-Merger die Arbeitsbedingungen im Unternehmen ausgeklammert hat.
Die ganze Palette der mehr oder weniger neuen Arbeitsverhältnisse in der New Economy dürfte jetzt aber auf den Prüfstand kommen, darunter neben den zahlreichen Teilzeit- und freien Verhältnissen auch die unbezahlte Arbeit Freiwilliger.
Ein vorläufiger Höhepunkt des Arbeitskampfes in der US-New Economy war das Strategiepapier Amazons zu Arbeitnehmervertretungen. Gewerkschaften schadeten dem Unternehmen und den Mitarbeitern gleichermaßen, da sie "aktiv Misstrauen gegenüber Vorgesetzten schüren", argumentierte das Amazon-Management in einer internen Empfehlungsliste an die leitenden Angestellten, die die "New York Times" im November 2000 auszugsweise abdruckte. Gewerkschaftlicher Einfluss schaffe eine "unkooperative Haltung" innerhalb der Belegschaft.
Gewerkschaften machen aggressiv und faul
