25.01.2001

DIDEROT & CO

Bildquelle: PhotoDisc

Freies Mega-Lexikon im Netz

Lawrence M. Sanger und Jimmy Wales, Gründer des Internet-Projekts "Nupedia", wollen eine weltweit zugängliche und von einer freien Autorengruppe geschriebene Universal-Enzyklopädie online aufbauen.

Nach dem so genannten Open-Source-Prinzip soll nicht wie bei herkömmlichen Lexika ein fester Autorenstamm einer Institution die Einträge schreiben. Bei "Nupedia" sollen Experten einer freien Gemeinde ihr Wissen einbringen.

Die Macher hoffen auf einen ähnlichen Erfolg wie bei dem freien Betriebssystem Linux, das ebenfalls von vielen unabhängigen Programmierern geschrieben wurde. Zugangsbeschränkungen gebe es für die Enzyklopädie nicht: Bei entsprechender Herkunftsnennung dürfe jeder die Inhalte nutzen, zitieren und übersetzen, sagen die Nupedia-Macher.

Oxford English Dictionary einst mit ähnlichem Konzept

Mit einem ähnlichen Ansatz hatte einst auch das renommierte Oxford English Dictionary [OED], das Referenzwerk für die Entstehung englischer Wörter, begonnen. Im 19. Jahrhundert rekrutierte die Philologische Gesellschaft in London ehrenamtliche Helfer, die Wörter und Zitate sammelten - alles auf Papierschnipseln.

Die Idee hält auch Xipolis-Geschäftsführer Michael Munz grundsätzlich für richtig: "Das Internet ist dafür prädestiniert." Xipolis selbst ist einer der größten Anbieter von Wissenssammlungen im Internet. Für Munz ist aber vor allem die Qualitätssicherung wichtig: "Eine Enzyklopädie ist mehr als eine Expertenplattform." Einträge müssten offiziell zitierbar sein, für Falschmeldungen müsste eine juristische Person geradestehen.

150 Artikel in Arbeit

Nach Angaben von Nupedia-Chefredakteur Sanger sind zurzeit über 150 Artikel in Arbeit. Rund 90 Wissenschaftler, meist renommierte Akademiker aus aller Welt, würden Lexikon-Einträge zu Wissensbereichen wie Biologie, Geschichte und Geologie schreiben, redigieren und überprüfen.

Qualität gefordert

Auch Nupedia verlange bestimmte Qualitätskriterien: Korrekturleser hätten meist einen Doktortitel in ihrem Wissensbereich, betont Sanger. Redakteure müssten renommierte Experten auf ihrem Gebiet sein und bereits Arbeiten publiziert haben.

Die Qualität der Inhalte will Nupedia zusätzlich durch ein "Mehraugensystem" sichern. Mindestens drei Experten würden jeden Eintrag überprüfen. Die Verantwortlichen stehen mit Namen unter dem Artikel. Über die Expertenmeinung hinaus könnten die rund 3.000 Nupedia-Mitglieder Einträge in Diskussionsgruppen besprechen.

Bald Übersetzungen

Sollte Nupedia über ausreichende Kapazitäten verfügen, soll das Lexikon auch in mehreren Sprachen im Netz stehen, kündigt der Chefredakteur an: "Wir hoffen, innerhalb eines Jahres mit Übersetzungen ins Deutsche und andere Sprachen beginnen zu können."

Zweites Open-Source-Lexicon in Planung

Mit einem Universallexikon macht Nupedia bereits existierenden Online-Lexika Konkurrenz, zum Beispiel der Encarta von Microsoft und der Internet-Ausgabe der Encyclopedia Britannica. Das Open-Source-Projekt will durch seinen Expertenpool sogar besser sein als die renommierte Britannica.

Allerdings droht weitere Konkurrenz: Der renommierte Open-Source-Guru Richard Stallmann kündigte Anfang des Jahres ebenfalls ein Universallexikon des Wissens an, unter dem fast gleich lautenden Titel "Gnupedia".