22.01.2001

NIELSEN

Bildquelle: Nielsen

"Bildschirm ist wertvollste Immobilie der Welt"

Wenn Jakob Nielsen über Webseiten, Internet-Handys und Online-Dienste herzieht, sollte man besser zuhören: Seine Tipps sind Goldes wert. Firmen zahlen nicht weniger als zehntausend Dollar am Tag, um von ihm kritisiert zu werden.

Nielsen ist der Usability-Experte schlechthin. Er untersucht seit Jahren die Interaktion des Benutzers mit Online-Contents - angefangen von Hypertext über Webseiten hin zu mobilen Net-Devices.

"Keep it simple", lautet sein Credo. Im Gespräch mit der FutureZone macht er kein Hehl daraus, was er von den meisten Websites hält.

"Es gibt nur wenige gute Seiten und keine, die perfekt ist", meint Nielsen. "Wenn ich mir die Sites ansehe, die es im Web gibt, bin ich nicht geneigt zu sagen, die Usability müsste um hundert Prozent verbessert werden. Nein, sie müsste um zehntausend Prozent hochgeschraubt werden!"

40 Jahre Hypertext

Und die Voraussetzungen haben sich in knapp 40 Jahren Hypertext nicht geändert. "Es gibt nur einen großen Unterschied, und das ist die Bereitschaft der Benutzer zur Geduld", führt Nielsen aus.

"In den Anfängen des Hypertext, als beispielsweise Handbücher für Telekoms in derartigen Formaten vorlagen, ging man noch davon aus, dass die User ein hohes Interesse am Inhalt zeigen und daher Navigationsschwierigkeiten mit entsprechender Ausdauer umschiffen würden. Im heutigen Web ist alles anders. Es gibt ein Überangebot an Information. Damals war man bemüht, den Leuten möglichst viel Information zu bringen. Heute muss man die User vor zu viel Information schützen."

Nicht nur die Aufnahmekapazität des Benutzers ist begrenzt, sondern auch die Schnittstelle Mensch - Maschine - in dem Fall der Bildschirm. "Der Bildschirm ist in Wahrheit die wertvollste Ressource dieses Planeten. Nicht etwa das Land in der Mitte Tokios - es ist dieses kleine, elektronische Tor zum Info-Highway", sinniert Nielsen. Noch immer scheitern Firmen mit ihren millionenteuren Websites.

"Leute haben keine Ahnung"

Nielsens Urteil ist hart: "Diese Leute haben einfach keine Ahnung". Ich meine das ernst. Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen den Kosten und der Qualität einer Website. Das Problem ist, dass viele Firmen mehr daran interessiert sind, wie ihnen die Site gefällt, als daran, was sie dem Kunden nützen kann. Es wird zu sehr danach getrachtet, die Präsentation innerhalb der Firma zu gewinnen. Der CEO sagt: 'Ein blinkender Button wäre hier nett', und die Designabteilung folgt ihm aus falscher Hörigkeit blindlings. Viele arbeiten darüber hinaus so, als wäre das Web ein Werbemedium - ganz so, als müssten sie ein glamouröses, farbenprächtiges Hochglanzmagazin entwerfen."

Gegen Web-unfreundliche Technologien

Er kritisiert den Einsatz proprietärer Technologien wie Flash. "Ich sage nicht, dass Flash an sich schlecht wäre. Wenn es die Browserhersteller wirklich schaffen würden, Flash als Bestandteil wie HTML oder normale Grafiken zu implementieren, wäre das schon ein Fortschritt - obwohl man bedenken muss, dass es sich hier um einen proprietären Standard handelt, der in der Hand einer einzigen Firma ist", wägt Nielsen ab.

"Allerdings verleitet Flash die Designer dazu, selbst die grundlegendsten Usability-Elemente außer Acht zu lassen. Für manche Fehler können sie sogar nichts, etwa die Unmöglichkeit, mit Back- und Forward-Buttons zu navigieren oder einfache Bookmarks zu setzen", so Nielsen im FuZo-Gespräch.

"Zehn Prozent in Usability investieren"

Er ist der Meinung, dass es Unternehmen gut tun würde, mindestens zehn Prozent des Budgets für die Erstellung der Site in die Usability zu investieren. "Mir persönlich wäre ein größerer Anteil lieber. Aber man kann nicht alles haben. Für eine kleine Investition können Unternehmen beispielsweise die Zahl ihrer Kunden um ein Vielfaches erhöhen."

2. Teil kommt morgen

Der zweite Teil des FuZo-Interviews mit Jakob Nielsen erscheint morgen und befasst sich mit Usability moderner Internet-Handys, WAP und i-Mode.