Nach Britpop kommt Britsoft
Die in England angesiedelte "European Leisure Software Publishers Association" [ELSPA] hat ein Buch vorgestellt, das die Verdienste der britischen Computerspiel-Industrie feiert. Das Buch trägt den Titel "Britsoft" und ist Branchenverzeichnis und Leistungsschau in einem.
Die britische Entertainment-Softwareindustrie ist mittlerweile zu einem Industriezweig angewachsen, der größer ist als die britische Film- und Fernsehindustrie und gleich groß wie die britische Musikindustrie.
Großbritannien ist europaweit führend in der Entwicklung und Vermarktung von Computerspielen und das einzige Land in Europa, das den USA und Japan auf diesem Gebiet Paroli bieten kann.
Der Buchtitel "Britsoft" ist zugleich Programm: So wie "Britpop" international zum Markenzeichen für innovative und angesagte Popmusik geworden ist, soll der Begriff "Britsoft" nach dem Willen der Herausgeber die besondere kreative Kompetenz Großbritanniens bei Computerspielen betonen.
"The guide to the UK leisure software industry"
Die englische Wochenzeitung "Observer" hat in der Vorwoche einen
Vorbericht zur Präsentation des "Britsoft"-Buches veröffentlicht,
der die Protagonisten der britischen "Game Culture" vorstellte und
auch auf einige ihrer Eigenheiten hinwies. Dazu gehört die
auffällige Häufung von Brüderpaaren, die Computerspiele entwickeln:
Das Unternehmen Codemasters ["Severance"] wird von den Brüdern
Richard und David Darling geleitet, Blitz Games [das demnächst
"Chicken Run" auf den Markt bringen wird] von den Oliver-Zwillingen;
hinter Rare ["Donkey Kong 64"] stehen die Brüder Stamper, hinter
Rebellion ["Gunlok"] das Brüderpaar Kingsley. Eine weitere Eigenheit
der britischen Spiele-Entwickler: Sie sind fast durchwegs fernab von
London, nicht selten auch in ländlichen Gebieten angesiedelt. Der
"Observer" berichtet von einem japanischen Unternehmen, das in Japan
ein englisches Dorf nachgebaut hat, um seine Entwickler zu ähnlich
kreativen Höhenflügen zu animieren wie die britische Konkurrenz.
Etliche englische Game-Produzenten haben sich auch in der Nähe der
Universitätsstädte Cambridge und Oxford niedergelassen, wo sie ein
günstiges Rekrutierungsumfeld vor allem für Programmierer vorfinden.


Heftiger Gegenwind für Flaggschiff Eidos
Die Feierstimmung der britischen Computerspiel-Industrie wird allerdings durch die hartnäckige Krise ihres Flaggschiffs Eidos getrübt.
Der vor allem durch "Lara Croft" bekannt gewordene Spiele-Entwickler hat am Dienstag seine Halbjahresbilanz veröffentlicht, die abermals empfindliche Verluste ausweist.
Demnach belaufen sich die im ersten Halbjahr angefallenen Verluste vor Steuern auf 18,8 Millionen Pfund [31,1 Euro].
Hinzu kommen außergewöhnliche Verluste in der Höhe von 54,1 Millionen Pfund [89,5 Euro] durch die unerwartet geringen Verkaufszahlen einiger Spiele im vergangenen Finanzjahr sowie den Wertverlust der Eidos-Beteiligung an dem B2C-Unternehmen Express.com.
Analysten hatten im Vorfeld mit höheren Verlusten gerechnet. Eidos zeigte sich nach Veröffentlichung der Zahlen optimistisch, die für das Gesamtjahr gesetzten Erwartungen erfüllen zu können.
Eidos ist ein führender Entwickler und Verleger von Computerspielen für PC, Playstation, Dreamcast, Nintendo und Game Boy Color. Das an der Börse in London und an der Nasdaq notierte Unternehmen kämpft seit längerem mit massiven wirtschaftlichen Problemen. In diesem Jahr musste das Unternehmen mehrfach Investoren vor der anhaltenden ungünstigen Marktsituation warnen.

Eigenständig aus der Krise
Zuletzt hatte Eidos im Oktober ein Übernahmeangebot des französischen Konkurrenten Infogrames abgelehnt.
Große Hoffnungen setzt Eidos auf die endlich ausgelieferte Playstation 2. Von der PS2 erwartet sich Eidos eine nachhaltige Steigerung der zuletzt merkbar zurückgegangenen Nachfrage nach Computerspielen.
Nach der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen und im Hinblick auf die PS2 erklärte Eidos, dass man sich wieder für stark genug halte, eigenständig und ohne strategischen Partner weiter existieren zu können.