Benzinpreis fördert Online-Handel
Nicht trotz, sondern auch wegen der Finanzkrise wird das US-Weihnachtsgeschäft im Online-Handel heuer um mehr als zehn Prozent wachsen. Der Benzinpreis spielt bei der Entscheidung zum Online-Einkauf eine wichtige Rolle, der Wettbewerb verschärft sich.
Die Rahmenbedingungen für die beiden umsatzstärksten Monate des Jahres könnten für den Online-Einzelhandel 2008 kaum übler sein.
Ein Fünftel aller Hausbesitzer in den USA kommt mit der Rückzahlung der Raten nicht mehr zu Rande. Während die Arbeitslosenrate steigt, erreichte die Schockwelle des "Credit Crunch" auch die Kreditkartenbranche.
Kredit, Karten, Krise
Laut "New York Times" mussten allein im ersten Halbjahr 21 Milliarden Dollar als uneinbringlich abgeschrieben werden, das sind 5,5 Prozent der Gesamtsumme an Kleinkrediten, die an Karteninhaber USA-weit ausgegeben wurden.
Allgemein wird damit gerechnet, dass in den nächsten 18 Monaten weitere 55 Milliarden fauler Kredite anfallen werden und die Rekordmarke von 7,9 Prozent beim Börsen-Crash von 2001 acht Jahre später übertroffen wird.
Der Online-Handel
Während allüberall nur Zuwächse, die keiner haben will, zu verzeichnen sind, nämlich von Schulden und bei Arbeitslosen, gibt es dennoch ein Marktsegment, das weiter prosperiert.
Der Online-Einzelhandel wird nach Einschätzung der Analysten sogar heuer knapp zweistellige Zuwächse in Prozenten erzielen. Der gewöhnlich gut informierte Branchendienst eMarketer sagt in einer aktuellen Studie ein Umsatzwachstum von 10,1 Prozent von 29,1 [2007] auf 32,1 Milliarden Dollar heuer für E-Commerce voraus.
"Verhalten optimistisch"
Es gebe also Anlass für "verhaltenen Optimismus", schreiben die Marktforscher, in deren Ausblick nur der Vertrieb von Hardware-Gütern, also keine Musikdownloads und Online-Buchungen von Flügen enthalten sind.
Vor einer Woche musste der weltgrößte Online-Händler Amazon seine Umsatz- und Gewinnerwartungen scharf nach unten korrigieren.
Statt um die ursprünglich prognostizierten 30 Prozent wird für das Schlussquartal irgendetwas "bis zu" 23 Prozent mehr erwartet. Amazons Gewinnprognose gegenüber dem Vergleichsquartal 2007 sagt: bestenfalls 13 Prozent plus, womöglich aber auch nur die Hälfte.
Mehr Wettbewerb
In diesen überraschend vagen Zahlen des Einzelhandelsriesen, der stets etwas stärker als der gesamte Internet-Markt gewachsen war, ist derselbe Trend abgebildet, der sich bereits beim Börsen-Crash 2001 gezeigt hatte: Wenn härtere Zeiten anbrechen, wird nicht weniger, sondern mehr im Internet gekauft.
Gespart wird freilich bei höherpreisiger Ware, man nützt das Netz zur Schnäppchenjagd, was sich - siehe Amazon-Prognose - naturgemäß negativ auf die Gewinnspannen auswirkt.
Der Rivale
Amazons Rivale eBay, der wegen nachlassender Attraktivität des Versteigerungsgeschäfts verstärkt in den herkömmlichen Online-Einzelhandel mit Festpreisen drängt, ist anscheinend weniger gut aufgestellt.
Waren es im dritten Quartal noch plus zwölf Prozent, so rechnet man für die stärksten beiden Monate sogar mit einem leichten Rückgang gegenüber dem Weihnachtsgeschäft 2007.
Benzinpreis als Motiv
Forrester Research setzen die Umsätze im Weihnachtsgeschäft 2008 etwas optimistischer als eMarketer, nämlich mit zwölf Prozent an. Mehr als ein Drittel der von Forrester Befragten hatten angegeben, allein schon wegen der hohen Benzinpreise lieber im Netz einzukaufen, vor allem, wenn die Ware frei Haus geliefert wird.
Da die grassierende Krise nicht ohne Wirkung auf die Online-Kaufentscheidung bleibe, werde der Wettbewerb intensiver, die Kunden würden in diesen härteren Zeiten verstärkt zu Preisvergleichen tendieren.
In Europa
Das heißt: Die Umsatzzuwächse werden sich nicht in gleichem Ausmaß auf alle Unternehmen verteilen. Die Kundenbasis wird volatiler, Preiskämpfe werden sich in Form von geringeren Margen für die Händler in den Bilanzen niederschlagen.
Was Europa angeht, wo um diese Jahreszeit zum Online-Weihnachtsgeschäft noch so gut wie keine aussagekräftige Marktprognose vorliegt, lässt sich nur eins mit Sicherheit sagen: Der europäische Markt ist seit Jahren stets denselben Trends gefolgt, die zuvor auf dem - wesentlich besser und aktueller erforschten - US-Markt aufgefallen waren.
Und: Auch in Europa ist Benzin teuer.
(futurezone | Erich Moechel)
