Schweizer Big Brother Awards vergeben
Am Samstagabend sind in Bern die Gewinner der Schweizer Big Brother Awards 2008 bekanntgegeben worden. Deutschland folgt am Freitag, am Samstag Österreich.
Mit diesen satirischen "Preisen, die keiner will", zeichnet ein Organisationskomitee jedes Jahr die schwerwiegendsten Datenschutzverletzungen aus.
Der erste Preis in der Kategorie Staat ging an die Fachgruppe 9 der Basler Staatsanwaltschaft, vertreten durch deren Chef Jörg Möschli.
Die Fachgruppe 9 ist die für den Staatsschutz zuständige Abteilung der Basler Kantonspolizei. Sie ist administrativ der Staatsanwaltschaft unterstellt, rapportiert aber direkt dem Inlandsgeheimdienst
der Bundespolizei, dem Dienst für Analyse und Prävention [DAP].
Im Juni dieses Jahres wurde öffentlich bekannt, dass die Beamten der Fachgruppe 9 Informationen über sechs demokratisch gewählte Mitglieder des Basler
Parlaments sammelten und diese Daten an den DAP weiterleiteten. Recherchen des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten ergaben, dass zwei der sechs Großräte türkischer Herkunft tatsächlich im Geheimdienstcomputer ISIS des DAP fichiert waren.
Großer Zulauf für Kategorie Business
Beinahe die Hälfte der Kandidaten stellten sich dem Wettbewerb um einen Business-Award. Siegerin in dieser Kategorie wurde die Securitas, Abteilung
Investigation Services in Zollikofen. Sie infiltrierte die kritischen Gruppierungen attac und GAP aus Lausanne mit verdeckten Spitzeln - im ersten Fall vermutlich im Auftrag des Nahrungsmittelmultis Nestle SA.
Unter den weiteren Kandidaturen fanden sich Großfirmen wie Migros, Google und
die UEFA, aber auch kleinere Unternehmen wie der Schweizerische Fussballverband SFV.
Mitarbeiter-Überwachung
In der Kategorie Arbeitsplatz siegte die Krankenkasse CSS mit ihrem Angebot für eine umfassende Absenzen-Koordination: Unternehmen können die Kontrolle über Absenzen an die CSS auslagern, welche die abwesenden Mitarbeiter
persönlich kontaktiert, zunächst telefonisch, anschließend zu Hause.
Die CSS gewann bereits im Jahr 2006 einen Big Brother Award, damals in der Kategorie Business, weil sie mehreren hundert Mitarbeitenden über ein Online-System Zugriff auf sensible Gesundheitsdaten ihrer Kunden erlaubte.
Lebenswerk und Positivpreis für Widerstand
Der Lebenswerk-Award für besonders hartnäckige Verletzungen der Grundrechte ging dieses Jahr an Kurt Trolliet, Staatsschutzbeamter bei der Berner Kantonspolizei, insbesondere für seine willkürliche Festnahme von zwei Journalisten im Umfeld einer politischen Kundgebung im Jänner 2008 in der
Stadt Bern.
Der Publikumspreis für lobenswerten Widerstand ging heuer an das Bündnis "Luzern fuer alle".
Big Brother Awards sind eine international vernetzte Aktion: Die erste Preisverleihung wurde 1998 in Großbritannien von "Privacy International" organisiert. Inzwischen fanden über 60 weitere Ehrungen in 19 Ländern
statt, so in den USA, in Österreich, Deutschland, Frankreich, Ungarn, in den
Niederlanden, in Japan, Finnland, Dänemark, Spanien, Australien und Neuseeland.
