Spott und Verzweiflung

22.10.2008

Konservative Blogger haben in diesen Tagen nur wenige gute Worte für den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten John McCain übrig. Viele wünschen sich härtere Bandagen gegen seinen demokratischen Konkurrenten Barack Obama. Andere halten das jedoch für den falschen Ansatz.

Michelle Malkin gilt als eine der angriffslustigen Autorinnen der konservativen US-amerikanischen Blogosphäre. Derzeit schreibt sie zahllose Artikel über Obamas angebliche Verbindungen zu Wahlfälschern und Ex-Terroristen sowie die in ihren Augen unfaire Berichterstattung der Massenmedien.

Doch in der Endphase des US-Präsidentschaftswahlkampfes mehren sich andere Töne in Malkins Blog. Angesichts Obamas deutlicher Umfragevorsprünge und der wachsenden Finanzkrise hagelt es von ihr Kritik an McCain und dessen Republikanischer Partei, die Malkin auch als "Partei der Dummen" bezeichnet.

"Es ist wirklich übel, in diesem Wahlkampf ein Konservativer zu sein", schrieb sie vor kürzlich, und ihr neues Wahlkampfmotto für die Republikaner lautet: "We're screwed 08!"

Malkin machte sich als Buchautorin und Kommentatorin des konservativen Nachrichtensenders Fox News einen Namen, bevor sie in der Blogosphäre erfolgreich wurde.

Wachsende Kritik an McCains Wahlkampf

Malkin steht mit ihrer Verzweiflung nicht alleine da. Obamas wachsende Popularität und McCains zahlreiche Wahlkampfpannen haben dazu geführt, dass immer mehr konservative Blogger an den Chancen des republikanischen Kandidaten zweifeln.

So fragte der Autor des bekannten Blogs Little Green Footballs kürzlich angesichts McCains Wahlkampfbemühungen: "Meine Güte, kann man das wirklich als Strategie bezeichnen?"

Vielen konservativen Bloggern missfällt, dass McCain nicht aggressiver mit seinem demokratischen Gegner umspringt. McCains Kampagne kritisierte Obama in der vergangenen Woche immer wieder für dessen Verbindungen zu einem ehemaligen Mitglied des linksradikalen Weather Underground. Doch während der Fernsehdebatte der beiden Kandidaten war davon nichts zu hören. Malkin urteilte deshalb: "McCain hatte schon immer mehr Mut, seine eigene Gefolgschaft zu kritisieren als die radikale Linke."

"Hirnverbrannte Mutanten"

Ob sich McCain an den Rat der konservativen Blogger hält, ist fraglich. Zuletzt waren es gerade die aggressiven Töne der McCain-Wahlkampfveranstaltungen, die seine Kampagne in Bedrängnis brachten.

Einige Anhänger nutzten Veranstaltungen des Kandidaten dazu, Obama lautstark als Muslim, Terroristen und Vaterlandsverräter zu beschimpfen. Die Ausfälle wurden prompt von den Medien aufgegriffen und zwangen McCain schließlich dazu, Obama öffentlich zu verteidigen.

Der Gründer des konservativen Blogs Ace of Spades kann sich angesichts solcher Vorkommnisse nur die Haare raufen: "Einige Republikaner sind wütende Dummköpfe, die McCain in die Defensive treiben und uns damit wertvolle Stimmen kosten." Dem nur unter dem Pseudonym Ace auftretenden Blogger scheint dieses Phänomen aus dem Netz bekannt: "99 Prozent aller Leser und Kommentatoren sind großartig. Es ist dieses eine Prozent hirnverbrannter, ignoranter Mutanten, die alle Peinlichkeiten verursachen. Auf Blogs wie bei Rallies."

Bobby McGill, Autor des konservativen Blogger-Netzwerks Pajamas Media, glaubt denn auch, dass sich die Republikaner von negativen Werbespots und anderen Angriffen auf Obama verabschieden sollten. "Sie funktionieren einfach nicht für McCain", so sein Urteil. Die Wähler wollten jetzt Antworten auf ihre finanziellen Probleme. Charakterkritik an Obama sei in dieser Zeit "politischer Selbstmord".

Gerüchte und Affären

Konservative Blogger waren nicht immer derart in der Defensive. Blogs wie Ace of Spades und Little Green Footballs sind in den USA ein fester Bestandteil der politischen Blogosphäre und verzeichnen monatlich Millionen von Zugriffen. In der Vergangenheit gelang es konservativen Bloggern zudem mehrfach, direkt Einfluss auf Politik und Massenmedien zu nehmen.

Im Präsidentschaftswahlkampf von 2004 wies Little Green Footballs nach, dass der angesehene Fernsehjournalist Dan Rather für einen Bericht über Präsident George W. Bushs Wehrdienst gefälschte Quellen genutzt hatte. Rather verlor daraufhin seinen Job beim Fernsehsender CBS.

Nicht wenige Blogger haben dieses Mal ebenfalls nach einem großen Skandal gesucht, mit dem Obamas Aufstieg beendet werden könnte. Konservative Blogger berichten seit Wochen über angebliche Kontakte Obamas zu einer linken Splitterpartei, über Gerüchte, er habe eine Affäre mit einer Wahlkampf-Mitarbeiterin gehabt, und über die vermeintlichen Verfehlungen ehemaliger Mitstreiter.

Die traditionellen Medien nehmen nur wenige dieser Vorwürfe auf, und bei Wählern scheinen sie bisher nicht auf offene Ohren zu stoßen. Das konservative Blog Stop the ACLU glaubt deshalb bereits: "Die Skandale spielen keine Rolle. Sie reichen nicht aus, um für einen Umschwung zu sorgen."

Gewinnen mit Palin und Blogs

Trotz derart pessimistischer Töne sind nicht alle konservativen Blogger bereit, kampflos aufzugeben. So schrieb Pajamas-Blogger Roger Kimball kürzlich: "McCain hat unter der Kreditkrise und der daraus resultierenden Finanzmarktpanik gelitten. Ich glaube trotzdem immer noch, dass er gewinnen wird." Auch bei Ace of Spades ist man sich sicher: "McCain und Palin können gewinnen."

Die Hoffnung vieler Blogger ruht dabei gerade auf der republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin. Während die Massenmedien Sarah Palin mangelnde Erfahrung und ethische Verfehlungen vorwerfen, erkennt die konservative Blogosphäre in ihr jemanden, der ihre Ideale teilt. Eine Autorin von Ace of Spades schrieb dazu kürzlich: "Diese Frau ist bewundernswert." Und ein Little-Green-Footballs-Kommentator urteilte wenig bescheiden: "Diese Wahl wird durch Palin und Blogs gewonnen."

(Janko Roettgers)