Jetzt erfinden - Geld kommt später nach

11.10.2008

Momentan haben Unternehmer, die Geld für eine Geschäftsidee suchen, ungefähr so viel Erfolg wie der reife Tom Cruise im Kino. Dabei geht es doch derzeit gar nicht darum, erfolgreich zu sein, sondern darum, Ideen für den nächsten Boom zu bunkern.

Ja, es geht um den gepflegten Gang in die Erfinderstube. Damit wieder etwas zu handeln und zu verkaufen ist, wenn sich die Banken von ihrem Masturbationsunfall erholt haben.

Innovation ist ein häufig missbrauchtes Wort. Alles Neue muss ja irgendwie in die Welt, und wenn es nur ein Update von Software oder einer Website ist. Aber deswegen braucht man nicht gleich die Entdeckung eines neuen Kontinents auszurufen.

Oder steht etwa ein Grundschüler auf und beruft eine Innovationspressekonferenz für Medien und Analysten ein, wenn er seinen ersten Elefanten mit Wachsmalkreiden auf Papier bringt? Eben. Also lassen wir die Erfindungen beiseite, die sich hungrige Wissenschaftler vor dem Abendbrot aus den Fingern saugen. Und Spielereien wie einen Palin-Simulator lassen wir auch außen vor. Zu banal, vor allem wenn man nur den Spickzettel der republikanischen Wadenbeißerin kopieren muss. Es gibt derzeit eine Menge an kleinen, aber feinen Dingen, die das Licht der Welt erblicken.

Welche Welt das derzeit sein soll, das ist eine andere Frage. Aber immerhin, sie kommen noch auf die Welt und lernen vielleicht das Krabbeln. Jetzt ist die Zeit für diese kleinen, aber feinen Erfindungen und Neuigkeiten, die die Welt dann verändern werden, wenn sie wieder Geld für deren Bewerbung und Erwerb hat. Also Ende 2009, wenn wir die Notenbanken richtig verstanden haben. Nicht in Island. Die werden sich in den nächsten 100 Jahren auf den Handel von geräuchertem Fisch beschränken und Björk auf Konzerttournee schicken. Bank happens.

Schauen wir uns im Rest der Welt um. Derzeit blühen die kleinen, netten Ideen im Schatten, denn in den Erbsenküchen der Wall Street hat man zurzeit wenig Lust auf Experimente. Es sei denn, sie werden vom Staat bezahlt.

Mit Biobloc, einem evolutionären Web-Spielzeug, lassen sich auf US-Servern schon einmal vortrefflich Insekten simulieren. Und das in einem Land, das gezielt gegen Küchenschaben vorgeht. Zudem sind die Flieger wegen der Bankenkrise zunehmend leer. Also wird es Zeit, die 747 einfach zum Hotel umzurüsten. Mit ein bisschen Glück muss man dann am Ferienort nicht einmal mehr aussteigen und kann so den Kontakt zur dortigen Bevölkerung ganz meiden. Oder man sendet mit Goldmail "Rich Media Mails" statt dröger Worte wie Hallo Mama, liebe Feriengrüße von der thailändischen Rollbahn. Hier in der Pension ist das Essen gut, nur die Heroinspritzen sind ein wenig nachlässig aufgezogen.

Für alle, die doch lieber auf den heimischen Sofas bleiben möchten, empfehlen wir die neuen HD-Streaming-Versuche von CBS. So werden die News von hysterischen Brokern noch schärfer und wirklichkeitsnäher. Schöner hat noch keine Generation ihr eigenes Geld verschwinden gesehen.

Die schönsten Berichte, Verzweiflungsmails und Bildern von verscherbelten Ferraris kann man nun mit Simplybox, statt sie mit einem Favoriten einzumerken, mit der Maus ausschneiden und zwischenspeichern. Bei wirklich guten Erfindungen soll einen das Urheberrecht nicht stören. Das hat damals bei Napster am Anfang auch nicht wirklich interessiert.

Und Twitter geht jetzt sogar mit @spam gegen Spam vor. Als ob Twitter je etwas anderes gewesen wäre. Search me sieht aus wie eine Erweiterung von iTunes. Was die Welt auch nicht schöner macht. Und mit Haika kommt eine semantische Suchmaschine auf den Markt. Schön, wenn endlich jemand im Internet einen Sinn entdeckt. Die Wiki Search Extensions lassen auch eigene Datenbanken in die Wiki-Suche einfließen. Und Socialtext bietet eine Metafunktion zu allen gängigen Social Networks an. Es ist immer gut zu wissen, dass niemand auch nur irgendwo über einen redet oder einen zum Freund haben will. Männern fortgesetzten Alters bleibt in einem solchen Fall immer noch Golf, vor allem das simulierte.

Aber kommen wir zurück zu wirklich wichtigen Erfindungen. Holografisches Fernsehen wird wohl vor allem von Baywatch-Fans erwartet. Und endlich, es hat weit länger als bis zur Erfindung des bruchlosen Radiergummis gedauert: Ford wird einen Geschwindigkeitsdrossler für die Eltern anbieten, die ihren Kindern den Wagen nur noch bis zu einer Geschwindigkeit von bis zu 20 km/h freischalten wollen. Auch gut im Umgang mit fahrwütigen Großmüttern.

(Harald Taglinger)