Wählen, fast wie echt

18.10.2008

Soll Barack Obama oder John McCain der nächste US-Präsident werden? Darüber diskutieren Millionen von Menschen außerhalb der USA, selbst wenn sie kein US-Wahlrecht haben. Der Ungar Gabor Rosta will, dass die Bürger der restlichen Welt mitspielen können - zumindest virtuell.

Im Kaffeehaus, am Arbeitsplatz, beim Frühstückstisch: Das Rennen zwischen dem demokratischen Hoffnungsträger Obama und dem republikanischen Veteranen McCain sorgt auch außerhalb der Vereinigten Staaten für Gesprächsstoff.

Viele Österreicher verfolgen aufmerksam den Wahlkampf - manch einer bleibt sogar spätnachts auf, um die amerikanischen TV-Debatten live mitzuerleben. Aber trotz dieses Eifers bleibt ihnen eines verwehrt: das US-Wahlrecht.

"Nicht nur Amerikaner betroffen"

"Dabei sind doch nicht nur Amerikaner von den Entscheidungen ihres Präsidenten betroffen. Wenn die Wirtschaft dort kollabiert, kollabiert auch unsere Wirtschaft", sagt Rosta. Der Ungar verfolgt schon seit Jahren die amerikanischen Wahlgänge - im heurigen Frühjahr hatte der 40-Jährige dann eine Idee: Warum sollte man nicht gleichzeitig eine Internet-Wahl abhalten, bei der Bürger aus allen Ländern zwischen McCain und Obama entscheiden können?

Kurz darauf registrierte Rosta sich die Domain IWantToVoteToo.com. "Ich will auch wählen" ist Name und Programm der unparteiischen Website. Sie wurde bereits in acht Sprachen übersetzt - darunter Deutsch, Arabisch und Chinesisch.

Wer selbst mitwählen möchte, kann sich unter IWantToVoteToo.com registrieren - allerdings nur bis zum Start des Urnengangs. Dieser dauert exakt 24 Stunden und endet zum gleichen Zeitpunkt wie die reale Stimmabgabe. Für die USA bedeutet das: am 5. November um 4.00 Uhr. Dann gibt es auch sofort die Ergebnisse online zu sehen.

"Demokratie endet nicht an Landesgrenzen"

"Demokratie endet nicht an der jeweiligen Landesgrenze", ist Rosta überzeugt. Er hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Kommunikationsberater für Unternehmen. Anfangs wollte er einfach eine virtuelle US-Wahl abhalten.

Dann fragte er sich: Warum nicht auch die Wahl in Kanada? Warum nicht auch die Wahl des Europaparlaments? "Es sind zwar nicht alle Urnengänge global wichtig. Aber wenn ein Land wie Österreich wählt, dann hat das zumindest Auswirkungen auf die benachbarten Länder", sagt Rosta.

IWantToVoteToo.com will nun die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in allen demokratischen Ländern abdecken. Eines steht aber außer Frage: Die US-Wahl zieht die meisten User an. Rund 4.500 Personen haben sich bereits registriert. Und wer Angst hat, die Wahl dann doch zu verschlafen, bekommt eine Erinnerungsmail vor der virtuellen Abstimmung.

Zur Person:

Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet der Rosta auf die Idee kam, alle Erdenbürger zur US-Wahl einzuladen. Der 40-Jährige interessiert sich seit Jahren für das amerikanische Campaigning und hat auch bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 für den demokratischen Kandidaten Al Gore mitgearbeitet. "Auf unterster Ebene. Ich habe Flyer ausgeteilt, Briefkuverts beschriftet, Meetings besucht", so Rosta.

Er betont allerdings, dass seine Website überparteilich sei und selbst keine Stellung beziehe. Rosta betreibt das Projekt in seiner Freizeit - und mit eigenem Kapital. Er hat zwei junge Programmierer für die technische Umsetzung, eine Firma für die Übersetzung in acht Sprachen und einen Rechtsanwalt für die juristischen Fragen engagiert.

Interessanterweise ist IWantToVoteToo.com kein Projekt, das durch viele Zufälle in einer Internet-Community entstanden ist - sondern die Website eines Kommunikationsberaters, der ganz gezielt ein solches Web-Projekt aus dem Boden stampfen wollte.

Möglichst viel Authentizität

Rosta hat sein Projekt genau durchdacht. "Unsere Urnen schließen zur gleichen Zeit wie die amerikanischen", sagt er. Bis dahin haben die registrierten User exakt 24 Stunden Zeit, um per Mausklick zu wählen.

Denn egal ob in Neu-Delhi oder Sydney - die Zeitverschiebung soll niemanden von seiner Teilnahme abhalten. IWantToVote.com strebt nach möglichst viel Authentizität. So bekommt der User, der von Neu-Delhi aus mitwählt, den gleichen Wahlzettel wie amerikanischen Bürger vorgelegt. "Globale Meinungsäußerung" nennt Rosta das auf seiner Website.

"Wen wählen die Iraker?"

"Natürlich gibt es schon jetzt einige Seiten, die fragen: 'Wer soll US-Präsident werden?' Wir halten die Abstimmung aber wirklich am Wahltag ab", so Rosta. Ihm geht es nicht nur um das politische Statement. IWantToVoteToo.com soll auch Resultate nach Nationen, Geschlecht oder Religionsangehörigkeit liefern.

"Wen wählen zum Beispiel die Iraker?", fragt sich der Ungar. Die Antwort darauf wird dadurch möglich, dass sich jeder Nutzer vor Beginn des Urnengangs mit einer gültigen E-Mail-Adresse registrieren muss. Dabei wird er auch nach Geschlecht, Geburtsjahr, Land, Größe des Wohnorts und Religion gefragt. Nach Ende der Abstimmung sind die Resultate kostenlos einsehbar - und jeder kann selbst Detailauswertungen machen. Wie haben zum Beispiel die französischen Muslime oder die Frauen in Afghanistan abgestimmt?

Datenschützer spitzen da sofort ihre Ohren. Religion, politische Präferenz und dann noch die eigene E-Mail-Adresse? Das ist eine heikle Kombination. Rosta versichert, dass keine personenbezogenen Daten gespeichert werden. "Sobald man seine Stimme abgibt, wird die E-Mail gelöscht", sagt er. Er hat das Konzept auch vom Datenschutz-Ombudsmann des ungarischen Parlaments prüfen lassen. Der wiederum befand es für gut.

Schwächen gegenüber realer Wahl

Trotzdem hat eine Online-Kabine natürlich Schwächen gegenüber einer realen Wahl: Die Website appeliert zum Beispiel an das Ehrgefühl des Users, sich nicht mehrfach zu registrieren. Das zu verhindern ist nicht möglich. Auch repräsentative Daten zu den Urnengängen können so nicht gewonnen werden.

Denn gerade ältere und sozial benachteiligte Menschen haben einen erschwerten Zugang zum Netz. "Klar werden eher die Jüngeren, besser Gebildeten teilnehmen", sagt Rosta. Das Wahlergebnis findet er trotzdem interessant - vor allem den Ländervergleich. "Wenn wir wählen, wählen wir auch Symbole. Obama ist schwarz und jung. McCain ist weiß und alt. Obamas Vizekandidat ist ein alter Mann. McCains Vizekandidatin ist eine junge Frau. Das sind alles Symbole. Und es wird spannend sein, welche Symbole in Österreich wichtig sind und welche Symbole in anderen Ländern."

"Kleiner Fisch"

Für solche Vergleiche muss die Website aber noch wachsen. 4.500 User haben sich für die US-Wahl registriert, 20.000 Menschen haben den Internet-Auftritt in den letzten drei Monaten besucht. IWantToVote.com ist also ein kleiner Fisch im weltweiten Web.

Rosta hat allerdings bis jetzt nur auf Mundpropaganda gesetzt. Er will prüfen, wie sich ein solches Web-Projekt ohne Maßnahmen wie klassische Pressearbeit entwickelt. Und für später hat er große Pläne: zum Beispiel Werbung auf der Website und einen Web-Shop. Dort könnte man etwa T-Shirts kaufen, die sagen: "I voted for Obama". Und gleich daneben das Logo von IWantToVoteToo.com.

Die junge Website ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Internet-Angebote von Land zu Land genutzt werden. So haben sich bisher vor allem französischsprachige User registriert: 1.008 Franzosen, 366 Schweizer und 183 Belgier. Dem standen bei Verfassen dieses Artikels nur 18 Deutsche und vier Österreicher gegenüber. Für einen wirklichen Ländervergleich braucht es da noch einigen Zulauf.

(Ingrid Brodnig)