Warum ich kein PC bin

27.09.2008

Eigentlich interessieren Computer niemanden mehr. Prozessoren und Betriebssysteme sind banal wie Butterbrote, nur weniger nützlich. Deshalb muss mehr Werbung her. Viel mehr Werbung. Und die schlägt regelmäßig fehl.

Ja, im letzten Jahrhundert, da war alles besser. Da reichte ein neuer Prozessor von Intel, um die Welt zu erschüttern. Der Tag hatte plötzlich keine Nachtstunden mehr und jedes Gespräch unter Männern nur ein Thema: "Wie schnell ist deiner?"

Aber das Zeitalter neigt sich wohl rasant dem Ende entgegen. Nicht einmal der Scoop von Google, aus dem Nichts einen nichtsnutzigen Browser auf den Markt zu bringen, der der Firma mehr Nutzerdaten in die Server spülen soll, löst mehr als eine Schockwelle aus.

Chrome verliert nach einem ersten Popularitätshüpferchen bereits wieder an Marktanteil. Der Browser-Markt gleicht zunehmend dem von Windeln: Nur Sonderangebote und Neuigkeiten treiben für kurze Zeit den Absatz. Nicht einmal die gute alte Indiskretion aus dem Internet, die Apple so großartig als kostengünstiges Werbemittel entdeckt hat, will heute noch ziehen. Da dringen Screenshots, natürlich schwer geheime, von MySpace Music nach außen, und die Welt nimmt das ungefähr so intensiv wahr wie die Farbkombination Rot-Weiß-Rot auf Wahlplakaten. Kein Wunder, denn das Immergleiche immer häufiger auf den Markt zu bringen lässt auch beharrliche Surfer die Maus verlieren und sanft entschlummern.

Vielleicht muss man sich die Lancierung von IT- und Internet-Produkten wie Speed-Dating vorstellen. "Du hast eine Minute, dann klicke ich weiter. Und hinter dem nächsten Link wartet schon der Nächste." Da kommt es nur noch zum Vollzug, wenn beide Seiten im Hormonrausch dringend einklinken wollen.

So muss eben die gute alte Werbung noch mehr her, die rund um die Branche mit Sicherheit kein schlechtes Leben führt. Entweder weil sie Branchengiganten wie Google und MSN finanziert [Entschuldigung: MSN finanzieren soll] und angeblich laut Microsoft der gute alte Banner noch lange nicht ausgedient hat.

Oder weil sie wieder aus dem Dilemma herausführen soll, dass man im Digitalen inzwischen mehr wie ein Eckverkäufer nur durch unzählig viele Einzelkontakte vorankommt. Nein, es muss etwas Großes sein, etwas, das noch nie da war, das die Welt wieder entzückt und die Großen noch viel Größer werden lässt. Es muss etwas sein, das sich an alle richtet, das alle einschließt und auf eine eingängige Art mit einem kleinen Schuss Provokation daherkommt. Es darf nur noch ein Tagesgespräch geben, das nichts mit Banken, frei werdenden Büros an der Wall Street und sinnlosen Sandkastenkriegen in der arabischen Welt zu tun hat. Klimaänderung? Gut, aber höchstens positiv.

Genau, und dann kommt Microsoft und sagt, dass ... ich ein PC bin . Ach, wie schade.

Wenn ich ein PC wäre, dann könnte ich mich doch nicht im Ramschmarkt gegenüber kaufen, ständig mit neuen Betriebssystemen plagen und voller Schwarzkopien stecken [Notiz: Gleich mal Mama fragen]. Dass ich eine Maschine sein und vielleicht sogar so auf alle Updates mit einem Default-Kauf reagieren soll, kann nur einem autistischen Computer-Fachredakteur gefallen.

Dementsprechend groß ist die Unsicherheit in Redmond und die Gehässigkeit der Szene, die sogar die Produktionsverfahren des Spots unter die Lupe nimmt und einen Apple-Computer als Tatwaffe feststellt. Dabei hatte Microsoft doch gar nicht gesagt: "Ich bin ein Windows." Was ich schon gar nicht wäre - ein PC kann ja sogar mit Linux laufen und die Kampagne nutzen. Also Open Source als Werbephilosophie. Das ist sehr nett, danke.

Der eigentliche Spot? Oh ja, stimmt. Pardon. Hier ist er. Begeistert? Ja nun.

(Harald Taglinger)