Vom Ende der IT-Tycoons

13.09.2008

Apple, Microsoft, Google, Vmware - wer IT erfindet und vermarktet, hat Menschen bitter nötig. Und von Menschen lässt sich nicht so schnell und einfach eine neue Version auf den Markt bringen. Es lebe die Sterblichkeit einer Branche.

Dass die Gerüchte über seinen Tod stark übertrieben sind, kann Steve Jobs als gelungenen Scherz zu Beginn seines herbstlichen Hochamts verkaufen. Aber die Frage ist wichtig, das hat sich im vergangenen Quartal finanzmarkttechnisch gezeigt. Wenn Steve stirbt - so die Meinung der Branchenauguren -, sind eine Menge seiner Angestellten bei Apple ihre Jobs los. Mensch , will man sagen, das kann doch nicht sein, dass eine Multimilliardenbranche von einzelnen Tycoons geprägt wird. Wir sind hier doch nicht im amerikanischen Stahlsektor vor hundert Jahren.

Schon recht, sind wir nicht. Aber die Menschen vermarkten Maschinen, geben ihnen ihre Attraktivität, sie sind die religiösen Oberhäupter ihrer Marken. Religiös? Aber sicher. Nur der Papst hat mehr Verzückung zu verantworten als Jobs und Gates, von denen Entwickler und Gefolgsleute gigabyteweise Glückshormone downloaden. Das will bei Food oder mit dem Zellophansektor von Procter & Gamble gar nicht gelingen. Obwohl in Joghurt und Toilettenpapier inzwischen so viel Technik steckt, dass man sein Frühstück und seinen Stuhlgang eigentlich warmstarten können müsste.

Menschen sind die Big Player im IT Business. So löst die Kündigung des CEO bei Vmware nun Medel Rosenblums Weggang aus. Es menschelt. Die Frau wird rausgeschmissen, und der Mann bittet sich einen Monat Denkpause aus, um dann seiner Gattin nachzufolgen. Das dürfte kaum produktstrategische Gründe haben. Vielleicht mehr ehehygienische, denn du willst nicht wirklich abends heimkommen und sagen: Es war ein wunderbarer Tag in deiner ehemaligen Firma, Schatz. Schade, dass sie dich für einen Volltrottel halten und rausgeschmissen haben. Nein, das willst du nicht, es sei denn, du legst auf Stacheldraht im Ehebett wert.

Wer kennt nicht Larry Page und Sergey Brin? Das sind zwei Erfolgsstudenten, die eine Suchmaschinenfirma gründeten, der sie den Namen der Eins mit hundert Nullen gegeben haben. Ihr Konzept, aus dem Google wurde, ist ein wunderschönes Stück Text. Aber sie sind eher dafür bekannt, nix Böses tun zu wollen und im Gegenzug 18 Milliarden Dollar schwere Privatsäckel zu haben.

Wenn Gutsein so reich macht wie die beiden und den Papst, dann verstehe ich die leeren Kirchen an Sonntagen nicht, aber weiter. Die beiden haben sich zumindest am Anfang so intensiv gestritten wie Bill Gates und Steve Ballmer. Nicht auszudenken, wenn solch ein Streit so endet wie bei den Dassler-Brüdern, dann wird es wie bei adidas und Puma irgendwann zwei von der Sorte geben. Dann suchen wir bei Goo2.com und werden von OGLE.COM ausspioniert. Das wäre ja wie einen Wagen kaufen und das Lenkrad selbst hineinbauen müssen, weil sich Herr Benz und Herr Mercedes zerstritten haben oder Martha Volks und Richard Wagen nicht mehr miteinander sprechen.

Wo wir gerade bei Microsoft waren. Deren Maximo Lider hat ja rechtzeitig und offiziell die Kurve gekratzt und arbeitet derzeit ernsthaft an seiner Karriere als Shopping-Clown. Ob Gates und Seinfeld dabei wirklich der Firma helfen, das weiß man nicht so recht, denn man erahnt ja nicht einmal, was dieses kryptische Filmchen dem zickenden Kunden sagen soll.

Derweil kursiert unter Kennern ein anderes Jobposting aus Seattle. Denn das deutet an, dass Zune zur Crossplattform ausgebaut werden soll. Kein Wunder, schließlich hat man gegen Apple 72 Prozent Marktanteil in den USA aufzuholen. Vermutlich sucht die Firma einen schwergewichtsboxenden Marathonläufer mit ausgezeichneten Weitwurfqualitäten. Denn unter ähnlichen Superhelden-Eigenschaften machen es die IT-Epigonen nicht. Heilande haben keinen Achselschweiß.

Das hat Gates allerdings nicht davon abgehalten, auch beim zweiten Mobile-Thema zu versagen. Auch der liebe Gott macht eben Fehler, sonst wäre ihm nach sechs Tagen Arbeit nicht der Computer passiert. Derweil breitet sich Chrome im Web trotz Warnung der Datenschützer aus, und Google Earth findet in die ersten Spiele Eingang. Das muss für Ballmer und Gates ein Grund sein, ärgerlich in jeden Desktop zu beißen, auf dem ein Computer steht.

Es sind Menschen, die die IT mit ihren Vorlieben und Schwächen prägen. Sie treiben die Industrie nach vorne und haben geniale Einfälle, dann verschätzen sie sich eines Tages, verlieren den Kontakt zur Echtzeit oder sterben vorzeitig. Wenn sie sich nicht kopieren, dann stirbt mit ihnen die Firma, die sie als Werkzeug ihrer Visionen aufgebaut haben. Und wenn wir Pech haben, dann kostet uns das Geld, Zeit und unser Weltbild.

Kevin Kelly, über die Entstehung von Wired interviewt, hat vergessen zu erwähnen, dass die schöne neue Zukunft auch an Berufsentscheidungen hängt. Wäre Jobs Modedesigner und Gates Bäcker geworden, dann würde heute Booooom auf jeder zweiten Jeans stehen ... und mit Brot Vista sollte auch die Verdauung reibungsloser und sicherer vonstatten gehen.

(Harald Taglinger)