Bild: ORF.at

Chinesisches P2P-TV auf Erfolgskurs

12.09.2008

Im Westen warten P2P-TV-Dienste nach wie vor auf den Durchbruch. Das chinesische Start-up PPLive verzeichnet dagegen bereits Quoten in Millionenhöhe. PPLive-Chef James Seng wundert sich im Gespräch mit ORF.at darüber, dass Peer-to-Peer-Dienste im Westen nur mit Piraterie gleichgesetzt würden.

Der P2P-TV-Dienst Joost ist in der Krise. Der von den Kazaa-Erfindern gegründete Dienst trat vor knapp zwei Jahren mit dem Versprechen an, das Internet mit der Welt des Fernsehens zu vermählen. Technische Probleme und fehlende Inhalte haben jedoch dafür gesorgt, dass ihr TV-Dienst von Kritikern verschmäht und von Nutzern gemieden wird.

Ende letzter Woche sickerte deshalb das Gerücht durch, dass sich Joost von seiner Software trennen und stattdessen in Zukunft auf ein Browser-Plug-in setzen will.

Möglicherweise sollte Joost stattdessen lieber einen Blick nach China werfen. Dort haben sich in den letzten Jahren zahlreiche P2P-TV-Anbieter etabliert. Das Paradebeispiel für die Entwicklung ist PPLive - ein Dienst, der seinen Nutzern 1.000 Live-TV-Kanäle und zahlreiche On-Demand-Programme bietet.

Screenshot des PPLive-Clients

34 Millionen aktive Nutzer

Der chinesische P2P-TV-Dienst hat nicht nur deutlich mehr Inhalte, sondern auch eine viele größere Nutzerzahl als Joost. So wurde die nur für Windows erhältliche Software laut PPLive-Vizepräsident James Seng bereits auf mehr als 100 Millionen PCs installiert. PPLive hat seinen Angaben zufolge 34 Millionen aktive Nutzer, die im Durchschnitt rund 13 Stunden pro Woche auf den Dienst zugreifen - Zahlen, von denen die Konkurrenz im Westen nur träumen kann.

Nutzerrekorde verzeichnete der Dienst unter anderem während der Olympischen Spiele. 1,6 Millionen PPLive-Nutzer verfolgten die Eröffnungszeremonie in Echtzeit vor ihrem PC. Zum Vergleich: Der Online-Dienst der BBC verzeichnete während der Olympischen Spiele zu Spitzenzeiten gerade einmal 200.000 simultane Nutzer.

122 Millionen Breitbandnutzer

Ein Grund für den Erfolg von P2P-TV in China ist die wachsende Mobilität der chinesischen Mittelklasse. Immer mehr Menschen ziehen in die Metropolen des Milliarden-Einwohner-Landes, um dort ihr Geld zu verdienen. "Wenn jemand zum Arbeiten von Hebei nach Schanghai zieht, dann ist PPLive der einzige Weg, dort einen TV-Kanal aus Hebei zu empfangen", erklärt Seng.

PPLive und vergleichbare Anbieter profitieren zudem von Lücken in Chinas Medienversorgung. Die Kanäle des chinesischen Staatsfernsehens sind landesweit zu empfangen, doch gerade abseits der Metropolen gibt es dazu oft nur wenige Alternativen. Gleichzeitig wächst die Zahl der chinesischen Haushalte mit Breitbandanschluss stetig. Ende letzten Jahres hatten bereits 122 Millionen Chinesen Zugriff auf einen Breitband-Internet-Zugang.

Alle Inhalte lizenziert

PPLive ist nicht der einzige P2P-TV-Dienst in China. Angebote wie PPStream, QQLive und UUSee verzeichnen nach Schätzungen der chinesischen Marktforschungsfirma iResearch zwischen zehn und 23 Millionen aktive Nutzer pro Monat. IResearch geht zudem davon aus, das PPLive im ersten halben Jahr umgerechnet rund 2,3 Millionen Euro mit Werbung verdienen konnte.

Beliebt sind die chinesischen P2P-Dienste auch bei europäischen Sportfans. So nutzen Fußballanhänger P2P-TV-Angebote wie Sopcast, um darüber in ihren Heimatländern nur gegen Gebühren verfügbare Spiele im Netz anzuschauen. Firmen wie PPLive gehen dagegen jedoch zunehmend mit Filtern vor, die das verfügbare Programmrepertoire für Zuschauer außerhalb Chinas beschränken.

PPLive-Vize Seng betont denn auch, dass seine Firma Lizenzen für alle ausgestrahlten Programme besitzt. "Es ist sehr bedauerlich, dass die meisten Leute P2P mit Piraterie gleichsetzen", so Seng. "Technologie ist neutral, man kann sie für gute und schlechte Zwecke gleichermaßen einsetzen."

Ein Teufelskreis

PPLive und seine chinesischen Konkurrenten haben bewiesen, dass P2P-TV funktionieren kann. Doch sind derartige Erfolge auch außerhalb Chinas möglich? Seng ist davon überzeugt. Seine Firma sucht deshalb derzeit in den USA und Europa nach Kooperationspartnern für eine internationale Expansion.

Dass Dienste wie Joost und Babelgum im Westen bisher wenige Nutzer gefunden haben, beruhe auf einer Art Teufelskreis, glaubt er. "In den USA hat man P2P keine richtige Chance gegeben", so Seng. "Die Leute dachten, dass es nicht funktioniert, probierten es deshalb nicht aus - und damit funktionierte es wirklich nicht. Für P2P braucht man eine gewisse Nutzerbasis, damit es stabil läuft."

(Janko Röttgers)