Labor für das TV der Zukunft

31.08.2008

Die oberösterreichische Kleinstadt Ried im Innkreis erschließt mit Fernsehen über das Internet-Protokoll [IPTV] neue TV-Welten. Das örtliche IPTV-Netzwerk bietet zeitversetzten TV-Konsum. Aber auch die Nutzer produzieren fleißig Inhalte.

IPTV ist Fernsehen über Internet-Protokoll [IP] in geschlossenen Netzwerken mit garantierter Qualität und Rückkanal. Für die Endkunden funktioniert das auf den ersten Blick wie Kabelfernsehen: Sie brauchen einen Anschluss an das Netzwerk und eine Set-Top-Box. Dann aber tun sich - zumindest im oberösterreichischen Ried im Innkreis - neue Welten auf.

Die Abonnenten können heute das gestrige Hauptabendprogramm mehrere Sender nacheinander sehen. Und zwar ohne vorher eine Aufnahme programmiert zu haben, sondern einfach zeitversetzt und mit der Möglichkeit, sämtliche Werbeunterbrechungen zu überspielen.

Außerdem können sie neben 50 TV- und 30 Radiosendern diverse Infodienste und Programmübersichten aufrufen und per Fernbedienung Bestellungen tätigen. Sie können sich auch den Weg in die Videothek sparen, da sie die neuesten Filme gegen Bezahlung mittels persönlichem PIN-Code sofort verfügbar haben.

Nutzergenerierte Inhalte

Moderne Medien zeichnen sich durch Interaktivität aus, und diese beschränkt sich in Ried nicht auf den Rückkanal: "User-generated Content" und "Prosument" sind in der oberösterreichischen Kleinstadt keine Fremdwörter, denn über das IPTV-Netz wird auch lokaler, zu einem nicht geringen Teil von den Sehern selbst produzierter Inhalt gesendet. Konsumenten sind Produzenten für den eigenen Fernsehbildschirm.

Das gibt es in der Form in Österreich nirgendwo sonst. Was hat aber gerade das knapp 12.000 Einwohner zählende Ried zu einem Labor für das Fernsehen der Zukunft werden lassen?

Zeitversetzter TV-Konsum

Die Rieder Firma Ocilion hat eine eigene IPTV-Software entwickelt, die auf einem in Eigenfinanzierung verlegten Glasfasernetz der Schwesterfirma Infotech als Referenzprojekt eingesetzt wird. Das allein ist noch nicht einzigartig: IPTV-Technologie nutzt beispielsweise auch die Telekom mit aon.tv.

Allerdings wird hier bis dato kein wirklich zeitversetzter TV-Konsum geboten. Das liegt einerseits an urheberrechtlichen Problemen, andererseits ist es natürlich nicht im Sinne der Werbekunden, wenn ihre teuren Spots mit Vorlauf überspielt werden.

Testumfeld für Sender

In Ried ist es dennoch gelungen, "Timeshift"-Verträge mit großen Sendern wie Pro7, Sat.1, RTL und ATV abzuschließen. Mit dem Glasfasernetz und nur ein paar 100 Haushalten am IPTV-Netz ist die Kleinstadt das ideale Testumfeld für die TV-Sender. Sie erfahren so, wie die Seher mit dem Angebot des zeitversetzten Fernsehkonsums überhaupt umgehen.

Der lokale "User-generated Content" kommt via Lokalsender ried.TV von TV Grenzenlos, einem aus dem EU-Interreg-Programm geförderten Verein, der Menschen in Oberösterreich und Bayern zu TV-Produzenten ausbildet. Über 180 Videos wurden von den gut 40 "Trainees" in den letzten Monaten bereits veröffentlicht, und die Qualität wird laut Obmann Richard Pichler immer besser. Auch die Lokalsender stellen fest, dass hier keine weitere "Billigkonkurrenz" a la YouTube entsteht, sondern gute Beiträge für die Übernahme in das eigene Programm.

Wer sich für Innovation im TV-Bereich interessiert, sollte die Gegend um Ried im Innkreis jedenfalls im Auge behalten.

Mehr dazu am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Magazin "Matrix".

(matrix | Eva Schmidhuber)