Utopien und ihre Kehrseiten

Festival
28.08.2008

Das Wiener Festival für digitale Kunst und Kulturen, paraflows, widmet sich ab 11. September sechs Wochen lang dem Thema Utopia.

Utopien seien Visionen einer möglichst positiven Zukunft in Verbindung mit den jeweiligen Technologien, soll der englische Staatsmann und Humanist Thomas Morus einmal gesagt haben. "Utopien können auch als Ausdruck eines Mangels in ihrer jeweiligen Entstehungszeit verstanden werden", meinte Festivalleiter Günther Friesinger bei der Präsentation des diesjährigen paraflows-Programms am Donnerstag im Wiener Museumsquartier.

In einer Ausstellung, einem Symposium, einer Diskursschiene und Performances setzt sich paraflows, das heuer zum dritten Mal stattfindet, mit Utopien und ihren Kehrseiten auseinander. Denn Utopien können auch ganz schnell in ihr Gegenteil umkippen, so Ausstellungskuratorin Judith Fegerl.

Explosionen und paradiesische Aussichten

Sie hat mehr als 30 österreichische und internationale Künstler eingeladen, ihre Positionen zum Thema Utopia im Flakturm im Wiener Arenbergpark zu präsentieren. Dunkle Überwachungsszenarien werden dabei ebenso zu sehen sein wie paradiesische Aussichten und Bilder einer simulierten Atombombenexplosion, die die teschechischen Medienaktivisten Ztohoven im Juni 2007 in das Programm des tschechischen öffentlich-rechtlichen Senders CT2 einspeisten.

Im Flakturm im Arenbergpark gastiert am 16. September auch der britische Medienkünstler Scanner [Robin Rimbaud] mit seiner Sound-Installation "Countdown", die im Kontext des Gefechtsturms aus dem Zweiten Weltkrieg auch das Ticken einer Bombe assoziieren soll.

Paraflows solle nicht nur den unterschiedlichen Szenen der Wiener Netzkultur-Communities eine Plattform bieten, sondern auch zur internationalen Vernetzung beitragen, sagte Festivalleiter Friesinger.

Leerstellen auf der Landkarte

Das Festivalsymposium im Wiener Museumsquartier [12. bis 13. September] beschäftigt sich Fragen der Raumbetrachtung. Weniger akademisch setzt sich wenige Tage später, von 14. bis 18. September, die zweite paraflows-Diskursschiene DiscourseLab im Metalab mit netzkulturellen Fragen auseinander.

Zu Gast ist etwa der US-Künstler und Geograf Trevor Paglen, der Leerstellen auf der US-Landkarte nachspürt. Große Räume in den den USA seien nicht kartografierbar, weil sie militärische Sperrgebiet seien, erläuterte Johannes Grenzfurthner, der Kurator der Vortragsreihe: "Es gibt bessere Fotos vom Jupiter als von diesen Sperrzonen." Paglen wird am 15. September von seinen Erfahrungen berichten, diese "schwarzen Punkte" zu fotografieren.

Ebenfalls im Metalab wird am 18. September Jason Scott über seine Versuche der digitalen Geschichtsschreibung berichten und Sammelstücke aus den 80er und frühen 90er Jahre, darunter CD-Kollektionen von Shareware-Programmen, präsentieren. Das waren frühe Phasen des Netzes, so Grenzfurthner: "Da steckten noch Utopien drinnen."

Paraflows findet von 11. September bis 24. Oktober an verschiedenen Orten in Wien statt.

Zum Thema:

~ Link: Selbstverwaltung mit Einschränkungen (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=267291v2) ~

~ Link: Heavy Metal für Zimmerpflanzen (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=293534v2) ~