Eine milde Gabe, die Herrschaften!
Größer, schöner, 2.0 ... und wer soll das bezahlen? Eben. Ich nicht, Sie auch nicht, wir sind ja nicht wahnsinnig. Anbei die Rede eines notleidenden Mitfahrers in der U-Bahn. Halten Sie die Geldbörsen bereit, der Pappbecher der notleidenden IT-Industrie geht um.
[Türen schließen, kurzes Mundharmonikasolo "We Will Rock You", dann im Wimmerton:]
Meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte entschuldigen Sie meine Rede, ich will Sie auch gar nicht lange stören. Bitte erlauben Sie mir ein paar Worte im Namen zahlloser Anbieter aus dem Internet und der Computerindustrie. Denn denen geht es allen nicht gut, denn: Das Internet und Computer kosten Geld. Nicht nur für jene, die versuchen, damit an der Börse reich zu werden.
Seit Wochen nichts mehr gegessen haben die Kollegen von Pandora, die in vollkommener Verzweiflung über fehlende Zuwendungen aus der Musikindustrie derzeit darüber nachdenken, ganz zu schweigen. Friede auch Muxtape, das mit der US-Behörde RIAA in interessante Diskussionen überging. Hätten Sie vielleicht einen Groschen für die Damen und Herren? Ich meine die RIAA.
So groß ist die Not inzwischen, mit IT Geld zu verdienen, dass selbst in Indien, wo bekanntermaßen jeder Teehändler ein eigenes Betriebssystem geschrieben hat, jeder Vierte seine Kenntnisse nur vorgibt. Einen Groschen auch für ein Unternehmen, in dem sich jeder Zweite nur noch mühsam von den seit 1999 ausbleibenden Aktiengewinnen ernähren kann.
Containerweise müssen bei Microsoft die Server ans Netz, und trotzdem will keiner einen Heller darauf wetten, dass die Firma den Sprung in die Cloud schafft. Dabei sammelt man dort bereits wohltätige Bildspenden für die nun finale Version Photosynth und kann trotzdem nur eine Version für Windows anbieten. Nicht einmal für eine MAC- oder Linux-Version reicht es noch in den vollkommen verarmten Live Labs. Generell sind gerade Forscher am Verzweifeln. Inzwischen lassen MIT-Angestellte sogar schon wehrlose Viren unter 18 Jahre für die Herstellung von Batterien schuften. Aber es hilft alles nichts. In der Branche sitzt der Jammer tief.
Gerade einmal 9,46 Prozent des Webtraffics gehen auf Online-Shopping-Seiten. Aber gekauft wird dort nichts, vielleicht ein wenig Kinderkram. Doch die großen Umsätze passieren immer noch auf dem Wochenmarkt oder verbrennen in den Computern von US-Immobilienhändlern. Wir dachten alle, dass der Mensch besser, schöner und schlauer wird durch das Internet und seine Computer. Aber wie Sie alle wissen, will er doch nur spielen. Und das bringt kein Geld.
Ich will mich nicht beklagen, die meisten IT-Firmen haben noch ausreichend Strom für ihre Computer und kostenlosen Kaffee für die Angestellten, aber die Uhr läuft. Und zwar nicht zu aller Vorteil. Bitte haben Sie also die Güte und greifen Sie jetzt tiefer in die Taschen für Software, Services und Updates, Urheberrechte und Hosting-Gebühren. Oder geben Sie mir einfach jetzt Ihr Börsel. Sie wissen ja aus IT-Projekten: Die letzten 20 Prozent einer Tätigkeit brauchen immer mehr Zeit, als man sich vorgenommen hat. Deshalb spenden Sie schnell.
(Harald Taglinger)
