China: Zukunftslabor der Medienrevolution

03.08.2008

Chinas Internet ist zensiert - und erfreut sich trotzdem konkurrenzloser Beliebtheit. Der australische Zukunftsforscher Mike Walsh glaubt, dass wir einiges davon lernen können, wie die Chinesen das Netz nutzen.

Die chinesische Internet-Zensur sorgt im Vorfeld der Olympischen Spiele weltweit für Schlagzeilen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei internationale Journalisten, die im IOC-Pressezentrum zunächst nicht auf die Websites der BBC und der Deutschen Welle zugreifen konnten.

Für chinesische Internet-Nutzer gehören solche Zensurmaßnahmen seit Jahren zum Alltag. Trotzdem hat sich das Internet in China in den letzten Jahren als Massenmedium etabliert. Dabei beeindrucken chinesische Internet-Nutzer nicht nur durch ihre absolute Anzahl, sondern auch durch die Intensität in Nutzung und Interaktion, die Internet-User im Westen alt aussehen lässt.

So besitzt China mit 80 Millionen Bloggern eine der aktivsten Weblog-Szenen der Welt. "Jeder vierte chinesische Netznutzer ist ein aktiver Blogger", weiß der australische Zukunftsforscher Walsh zu berichten.

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Unterhaltung statt Politik

Walsh glaubt angesichts solcher Zahlen, dass die westlichen Länder einiges von chinesischen Netznutzern lernen können. Dazu gehört allerdings auch, dass wir uns von der Idee verabschieden, das Netz sei in China allein von der staatlichen Zensur dominiert.

Stattdessen sei das Internet für viele Chinesen in erster Linie ein Ersatz für andere Unterhaltungsmedien. "Es geht dabei um Musik, um berühmte Menschen, um Internet-Stars", berichtet Walsh.

Der chinesischen Unterhaltungsindustrie bieten die neuen Medien dabei Chancen, die sie mit althergebrachten Geschäftsmodellen nie hatten. "Der Verkauf von Original-Musik-CDs hat dort noch nie funktioniert", erklärt Walsh, "Klingeltöne verkaufen sich dagegen sehr, sehr gut."

Facebooks heimliche Vorbilder

China ist in den Augen von Walsh nur ein Beispiel für eine asiatische Medienrevolution, die in Zukunft auch unser eigenes Online-Leben beeinflussen wird. So ließ sich bereits in den letzten Jahren vermehrt beobachten, dass Internet-Trends aus China, Korea und Japan nach ein paar Jahren auch in Europa populär wurden.

Oftmals erkennen wir jedoch den asiatischen Ursprung nicht, da wir sie gewissermaßen aus zweiter Hand aus den USA übernehmen. "Facebook und MySpace besitzen Vorbilder in Asien, die es dort bereits ein ganzes Jahrzehnt gibt", so Walsh.

Am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Magazin "Matrix": Janko Röttgers sprach mit Mike Walsh im kalifornischen San Diego über die asiatische Medienrevolution und den Einfluss lokaler kultureller Werte auf globale Techniktrends.

(matrix | Janko Röttgers)