Das Mojave-Prinzip

30.07.2008

Um Skeptikern zu beweisen, dass sein jüngstes Betriebssystem besser ist als sein Ruf, hat Microsoft den Blindtest gemacht. Eine von arglosen Usern für gut befundene angeblich neue Windows-Version namens "Mojave" entpuppte sich als Vista. Doch Steve Ballmer, der Great Pretender, hat noch eine größere Überraschung im Ärmel.

Wir schalten direkt zur Übertragung nach Redmond, wo für morgen Abend im Paralleluniversum eine "außerordentliche Neuigkeit" angekündigt wurde. Als futurezone haben wir selbstverständlich Zugriff auf den firmeneigenen DeLorean, ein Gerät, das mit Kulissenbauteilen aus abgewrackten Fernsehshows betrieben wird und daher in der Lage ist, sich dem Nullhorizont jeder Vorstellungskraft zu nähern - und zwar so langsam, dass das Raum-Zeit-Kontinuum sich dann einwärts faltet, wenn der Fahrer ein Quantenjoghurt zu sich nimmt, dessen Milchsäuremoleküle an jedem Ort des Universums synchron drehen. Was Sie jetzt lesen, wird morgen live sein.

Steve Ballmer betritt die Bühne, alle sind gekommen, Mossberg, RoboJobs, Alan Turing. Der CEO stellt einen Zune der von Lynch handsignierten "Twin Peaks"-Serie auf den kleinen Schemel mitten auf der Redwood-Holzbühne, er schaltet ihn ein, seine eigene Stimme erklingt, aber rückwärts. Jeder, der mit den Gepflogenheiten der IT-Branche vertraut ist, kann die Inhalte mühelos zwischen den Lauten hervorlesen. "Guten Morgen", sagt das cordhosenbraune Gerätchen, "wir haben Ihnen etwas mitzuteilen. Wir haben Sie getäuscht. Nicht nur mit Windows Mojave, sondern in einer völlig anderen Dimension!"

Stumm hüpft Ballmer ein merkwürdiges Tänzchen auf den knarrenden Dielen. RoboJobs guckt auf sein iPhone. Das Interface kippt einwärts, was ihn kaum mehr irritiert, als er sieht, dass SIE auf der Bühne erscheinen: Larry und Sergej. Sie lächeln abwesend. Ballmer stampft dreimal kräftig auf, lässt ein unirdisches Lachen hören. "Sag's ihnen, Larry!", befiehlt er heiser.

"Google", sagt Larry, stotternd, "ist in Wirklichkeit die Suchabteilung von Microsoft." Ein lähmender Eishauch fährt durch den Saal, die ersten in ihrem Wahn von Microsoft zu Google übergelaufenen IT-Journalisten werfen sich aus den Fenstern, gucken aber von draußen gleich wieder rein, ist ja Erdgeschoß. Ballmer springt drei Meter hoch. "Habt ihr ernsthaft geglaubt", quietscht er, "dass wir neben uns noch ein anderes Monopol hochkommen lassen?"

Ein Megabeamer der Fanzonenbestrahlungsklasse springt an, in Echtzeit wird das alte Logo auf Google.com durch ein neues ersetzt: "Microsoft Individually Optimized Live Search Professional Ultimate" steht jetzt da, schwarz auf schwarz, Ballmer kugelt sich auf dem Boden, der faulige Geruch aus tausend sperrangelweit offenen Berichterstatterkehlen weht ihn an, er kann nicht mehr, Sergej springt ein, er zieht seine Maske ab, es ist Bill! Er hat sich nur deshalb fake-pensionieren lassen, um die Täuschung perfekt zu machen.

"Ich bin's!", sagt der Chef und kichert, "Larry ist übrigens wirklich Larry, wir haben ihn beim Reinigen unseres Executive-Swimmingpools rekrutiert, er sah so putzig ehrlich aus." Ballmer, der sich wieder gefangen hat, ergänzt: "Und er war eh gut im Suchen." Larry hebt sein Ärmchen, will ein letztes Mal etwas sagen, wobei ihm jemand wirklich zuhört, Bill tut ihm den Gefallen, tritt zurück, Spot auf Larry, aus dessen Mund nur eine silbrig schimmernde Sprechblase wächst: "Pwn3d!!!1!"

(futurezone | Günter Hack)