Gordon Pask - Lernen mit Maschinen

13.07.2008

Während sich Hypertext-Pionier Ted Nelson mit seinem Xanadu-Projekt eher um die technische Realisierbarkeit der Verknüpfung von Wissensbausteinen kümmerte, fand für den britischen Kybernetiker Gordon Pask die wahre Vernetzung im Geist der lernenden Menschen statt. Ein Abstecher in die Welt eines Genies.

Gordon Pask der Dandy, Gordon Pask, der Unbegreifliche, der gerne mit Drogen experimentierte und die Nacht zum Tag machte. Heinz von Förster nannte ihn Mr. Kybernetik. Den Kybernetiker unter den Kybernetikern. Seine Tochter Amanda Heitler nannte ihn einfach nur G, weil sie es als Tochter nicht besonders witzig fand, dass seine Schüler ihren Vater Gott nannten. "Sein Ego war schon ausgeprägt genug."

Gäste empfing er stets nur am späten Nachmittag. Und selbst dann mussten sie sich gedulden, denn ein Tag - oder eben Abend - begann bei Gordon Pask immer erst mit einem Ritual: acht Mal die Stiegen ab und auf. Warteten keine Gäste, wiederholte er die Zeremonie vor dem Haus auf der Straße.

Der Kybernetiker und Psychologe Andrew Gordon Speedie Pask ist am 28 Juni 1928 in Derby, Großbritannien, geboren worden. Nach einer Ausbildung zum Bergbauingenieur in Liverpool ging er nach Cambridge, wo er einen Abschluss in Natural Sciences machte. 1964 promovierte er in London in Psychologie. Er spielte eine wichtige Rolle in der Verbreitung und Entwicklung der Kybernetik in Großbritannien, unter anderem von 1976 bis 1979 Vorsitzender der britischen Gesellschaft für Kybernetik. Er starb am 29. März 1996 in London.

Maschinen und Menschen

Die Maschine als lernender Organismus

In den 1960er Jahren versuchte Gordon Pask, genauso wie der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan, herauszufinden, welchen Einfluss Maschinen auf den Alltag der Menschen haben.

Als Joseph Weizenbaum 1965 das Computerprogramm Eliza entwickelte, um zu beweisen, dass die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine in natürlicher Sprache möglich sei, arbeitete auch der gelernte Psychologe Gordon Pask an vergleichbaren Experimenten.

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Mit Ted Nelson in Xanadu

Eliza wurde entwickelt, um frühe Ansätze der "künstliche Intelligenz" und Automatisierungsphantasien zu karikieren. Zu diesem Zweck simuliert das Programm die Gesprächssituation zwischen einem Psychiater und einem autistischen Patienten.

Dabei machte sich Joseph Weizenbaum die Tatsache zunutze, dass viele psychoanalytischen Gespräche darauf aufbauen, dass der Psychiater die Antworten seines Patienten zu neuen Fragen umformuliert. Zumindest das kann ein Computerprogramm auch. Das Programm, so kommentierte ein Psychiater damals, agiere selbst autistisch.

Mitte der 1960er Jahre war der Computerwissenschafter Ted Nelson genauso wie Gordon Pask von der Idee überzeugt, dass Wissen nicht nur linear strukturiert vermittelbar sei, sondern auch durch die scheinbar willkürliche Verknüpfung von unterschiedlichsten Themenbereichen.

Ted Nelson nannte sein Linksystem Xanadu, Gordon Pask fand für sein Prinzip die Bezeichnung Konversationstheorie. Seit den 1990er Jahren, seit der schnellen Verbreitung des World Wide Web, ist das Konzept allgemein unter dem Namen Hypertext bekannt.

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Ted Nelson hat den Ausdruck Hypertext geprägt und mit Xanadu ein komplexes System für vernetzte Dokumente entwickelt, das jedoch nie verwirklicht wurde. ORF.at hat mit dem Hypertext-Pionier über das Web 2.0 und die darin "tanzenden Schafe" sowie die Copyright-Problematik in der digitalen Welt gesprochen.

Lernen als Gespräch

"Die meisten Theorien sind eben nicht das Produkt einer einzigen Person, sondern sie werden von vielen Personen beeinflusst, von der jeweiligen Zeit und den jeweiligen Umständen", sagt Ranulph Glanville, einst Schüler von Gordon Pask; heute unterrichtet er Architektur und Kybernetik am University College London.

Die Konversationstheorie, an der Gordon Pask sein Leben lang arbeitete, war eine Lerntheorie. Lernen bedeutete für Pask nicht Drill und Fakten zu pauken, sondern eben Konversation - das Gespräch miteinander.

Ranulph Glanville erklärt den Ansatz: "Die Konversationstheorie ist ein Versuch, in ein formal und rigoros organisiertes System etwas einzuführen, das unterschiedliche Herangehensweisen an ein Thema zulässt: Sie und ich haben ein anderes Verständnis von den Dingen der Welt, aber trotzdem sind wir in der Lage miteinander zu reden. Die Konversationstheorie baut auf diese Tatsache auf und versucht eine Möglichkeit zu finden, ein derartiges Gespräch auch mit einer Maschinen zuzulassen. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, dann laufen wir Gefahr selbst mechanisiert zu werden. Am Ende würden wir zu Gefangenen der Maschinen."

Eine frühe Form von Hypertext

"Entailment mesh", nannte Gordon Pask ein Konzept seiner Konversationstheorie, mit der er die Grundlagen von Hypertext bereits vorweggenommen hat. Damit konnten unterschiedliche Themengebiete auf vielfältige Weise miteinander verknüpft werden. Aber vor allem ging es Gordon Pask darum, dass der Lernende selbst seinen Weg durch die Informationen bestimmt. Er entscheidet, womit er beginnen und wie er weiter vorgehen will.

Ranulph Glanville: "Er konnte von einem Thema zum anderen hüpfen, aber auch logischen Verbindungen folgen. Er konnte vorwärts gehen und zurück, links oder rechts. Ihm standen viele Wahlmöglichkeiten offen. Eine derartige Idee läst sich nur mit Hilfe des Computers verwirklichen. Wir reden hier also über eine Form von Hypertext. Wir reden hier über eine Art von Hypertext, die Gordon in den späten 60er Jahren entwickelt hatte; genau zur selben Zeit wie Ted Nelson. Gordon verfolgte damit das Ziel, Informationen auf so vielfältige Arten zu organisieren, dass jeder Mensch je nach seiner Fasson lernen kann."

Das Gordon-Pask-Archiv in Wien

Der Nachlass von Gordon Pask wurde letztes Jahr von England an das Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien transferiert und kann dort eingesehen werden.

Lernen und Vertrauen

In einer Folge der BBC-Serie "The Experimenters" ließ Pask den Erziehern ausrichten, sie sollten sich in Zukunft vor allem auf eine Aufgabe konzentrieren: Lernen zu lernen.

Obwohl Gordon Pask selbst Lernmaschinen baute, wehrte er sich gegen die in der Hochblüte der Automatisierung weit verbreitete Meinung, dass Computer eines Tages die Lehrer ersetzen würden. Er protestierte auch vehement gegen eine Vereinnahmung seiner Arbeiten durch Forscher aus dem Gebiet der Artificial Intelligence. Im Gegensatz zu dieser Spezies war Gordon Pask keinesfalls davon überzeugt, das Maschinen intelligente Wesen sein könnten. Dafür fehle ihnen schlichtweg die

notwendige Emotion. Eine derartige Vorstellung ließe sich nur umsetzen, indem man Menschen zu Maschinen degradiere und auf mechanische Eigenschaften reduziere.

Man könnte behaupten, die menschlichen Wesen befänden sich auf dem besten Weg dorthin. Pflichtenhefte, Stundenlisten und das genaue Festschreiben von Arbeitsabläufen können als Beleg herangezogen werden.

Ranulph Glanville: "Wenn Sie heute in irgendeiner Form in einem Forschungsinstitut arbeiten, dann wissen Sie, dass das Leben dort weniger mit Forschung, sondern vielmehr mit Bürokratie zu tun hat. Dass ständige ausfüllen von Formularen, der ständige Zwang, Rechenschaft abzulegen, entspricht der Mentalität von Buchhaltern und Versicherungsagenten. Damit versucht man nur, bestimmte menschliche Qualitäten abzuschaffen: Sie brauchen keinen Rechenschaftsbericht, wenn Sie den Menschen vertrauen. Im Grunde genommen richtet man ihnen damit nur aus: Ich vertraue Ihnen nicht. Sie müssen mir erst beweisen, dass Sie das Geld korrekt ausgeben. Damit wird das gegenseitige Vertrauen, eine zutiefst menschliche Eigenschaft,

abgeschafft."

Das Buch:

Ranulph Glanville, Karl Müller [Hrsg.] "Gordon Pask, Philosopher Mechanics", edition echoraum, 2007

(matrix | Mariann Unterluggauer)