Googles Kindergartenfiasko

06.07.2008

Der für seine arbeitnehmerfreundliche Politik mehrfach ausgezeichnete Internet-Konzern Google setzt seinen guten Ruf aufs Spiel. Google-Mitarbeiter steigen wegen Preisaufschlägen bei der Kinderbetreuung auf die Barrikaden und lassen an der Unternehmensspitze kein gutes Haar.

Google erhöht kräftig die Preise für Kindergartenplätze in der kalifornischen Zentrale. In den nächsten Jahren sollen Mitarbeiter des größten Suchmaschinenbetreibers um rund 70 Prozent mehr für Kinderbetreuung zahlen.

Ein Kinderbetreuungsplatz für ein Kind im Vorschulalter soll etwa ab Oktober 1.116 Dollar [rund 711 Euro] anstatt bisher 1.070 Dollar [681 Euro] kosten. Ein Jahr später sind dafür bereits 1.710 Dollar [rund 1.090 Euro] zu bezahlen.

Zahlreichen Google-Mitarbeitern stößt das sauer auf. Sie werfen dem Google-Management vor, mit den Preisaufschlägen dem "engsten Kreis" um die Unternehmensgründer Larry Page und Sergey Brin Vorteile zu verschaffen.

Google wies die von der "New York Times" ["NYT"] am Samstag aufgegriffenen Vorwürfe zurück. Die Veränderungen seien nötig, um dem rapiden Wachstum des Konzerns Rechnung zu tragen und Kinderbetreuung an mehreren Standorten anzubieten, sagte Google-Sprecher Matt Furman.

Zuvor hatte bereits das Klatschweblog Valleywag Auszüge aus Google-Mails zum Thema veröffentlicht.

Kostenintensive Methode

Mit dem "engsten Kreis" um die Unternehmensgründer ist offenbar die Schwägerin von Brin, Susan Wojcicki, gemeint. Als die Google-Vizepräsidentin vor drei Jahren aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehrte, machte sie kein Hehl daraus, dass sie von der bei Google damals angebotenen Kinderbetreuung, die an das Unternehmen Childrens' Creative Learning Centers [C.C.L.C.] ausgelagert war, wenig hält.

Wojcicki gilt laut "New York Times" als Anhängerin einer "Reggio Emilia" genannten Betreuungssmethode, die auch bei Kleinstkindern auf selbstständiges Lernen setzt.

Die vergleichsweise kostenintensive Methode wurde daraufhin auch vom Unternehmen unterstützt. Ein neuer Kindergarten mit einem auf "Reggio Emilia" abgestimmten, besseren Kind-Betreuer-Verhältnis wurde eröffnet. Auch das Salär der Betreuer wurde den neuen Erfordernissen angepasst.

Subventionsexplosion

Das führte schließlich dazu, dass die Subventionierung jedes Kindergartenplatzes bei Google auf 37.000 Dollar [23.570 Euro] pro Jahr anwuchs. Im Vergleich dazu betragen die Zuschüsse anderer IT-Unternehmen im Silicon Valley laut "NYT" lediglich 12.000 Dollar [7.640 Euro] pro Jahr.

Auch die Wartezeit auf die begehrten Plätze, die auch als Anreiz für neue Mitarbeiter eingesetzt wurden, erhöhten sich auf bis zu zwei Jahre. Bis zu 700 Kinder warteten darauf, einen der 200 Betreuungsplätze zu ergattern.

Notbremse

Das Google-Management zog angesichts der hohen Zuschüsse und der langen Wartezeiten die Notbremse. Die Subventionen wurden gekürzt, die Gebühren für die Betreuungsplätze wurden angehoben.

Bei der Betreuungsmethode machte das Google-Management keine Kompromisse und stellte die gesamte Kinderbetreuung des Unternehmens auf die kostspielige "Reggio Emilia"-Philosophie um. Der Vertrag mit dem externen Dienstleister C.C.L.C., der von anderen Kunden durchaus gute Noten bekam, wurde gekündigt.

Zwar soll die Verteuerung der Kindergartenplätze nach an einem fast sechsmonatigen Hickhack zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern nun schrittweise erfolgen und mit rund 70 Prozent geringer ausfallen als die ursprünglich geplanten 75 Prozent, dem Unmut der Mitarbeiter tat das keinen Abbruch.

"Luxus" Kinderbetreuung

Das Management habe die Interessen der Spitzenverdiener über jene anderer Mitarbeiter gestellt, kritisierten Google-Mitarbeiter. Kinderbetreuung bei Google sei nun ein Luxus. Google gleiche sich immer mehr anderen Unternehmen an. Viele Eltern bei Google wollen nun ihre Kinder anderswo unterbringen.

Durch die Kürzung der Zuschüsse könne der Konzern das Platzangebot um 150 Prozent steigern, sagte hingegen Furman. Die Preise seien zudem nicht höher als bei anderen führenden Kindergärten in San Francisco.

"Mitarbeiterfreundlichstes Unternehmen"

Google wurde zuletzt das zweite Jahr in Folge vom Wirtschaftsmagazin "Fortune" als mitarbeiterfreundlichstes Unternehmen bewertet. Das Internet-Unternehmen kämpft derzeit aber mit einer wachsenden Bürokratie und der Abwanderung von Mitarbeitern zu Start-up-Unternehmen.

"Es mag übertrieben sein, zwischen dem Fiasko bei der Kinderbetreuung und dem Absturz des Aktienkurses einen Zusammenhang zu sehen", schrieb Finanzkolumnist Joseph Nocera. "Aber vielleicht auch nicht." Google-Papiere erreichten im November einen Spitzenwert von 747 Dollar, im März rutschten sie auf 412 Dollar ab und schlossen zuletzt am Donnerstag bei 537 Dollar.

(futurezone | Reuters)