Besuch im Lost Laptop Club

26.06.2008

Netzteile spezial! Es gibt einen Grund, weswegen in jüngster Zeit so viele Regierungscomputer mit wichtigen Daten darauf verschwinden - speziell in Großbritannien. Wir haben unser bestes Team nach London geschickt. Es ist bis heute nicht zurück.

London. Ein unscheinbares Haus in einer besseren Gegend. Viktorianische Fassade, elisabethanische Überwachungskameras. Ein Informant hat uns einen Hinweis gegeben. In diesem Gebäude soll sich der exklusivste Club der Stadt befinden, ein Höhepunkt zeitgenössischer Kultiviertheit und Sensibilität. Einlass nur mit Empfehlung. Wir empfehlen uns gegenseitig, treten ein.

Sir Clive Spectrum, Erfinder der Radiergummitastatur, des ziegelgroßen Taschenrechners sowie dieses wunderbaren Clubs hier, bewundert erst die eingetretene Tür und lädt uns dann zum Lunch. Es gibt Beefsteak, blutig. "Willkommen im Lost Laptop Club, Gentlemen!", sagt Sir Clive und schiebt seinen knochigen Körper unter dem Tuch seines Savile-Row-Anzugs neu zurecht, "welcher Aspekt unserer Organisation interessiert Sie?" Eine seltene weiße Flokati-Katze springt auf seinen Schoß und fängt sich etwas Zigarrenasche ein.

"Dort drüben sehen Sie unser jüngstes Mitglied. Maurice Stockton-Darlington. Ein junger Hot Shot aus dem Außenministerium. Er kommt gerade frisch von einer kleinen Beratungsreise aus Guantanamo, nicht wahr, Maurice?"

"Wir sagen jetzt 'Fanzone', Clive!"

"Ach, ja, wie dumm von mir. Mr. Stockton-Darlington hat seinen Laptop im Express nach Liverpool liegen gelassen."

"Mit den Plänen für den 'Eisernen Willibald', unser neues, ehm, Überzeugungsgerät."

"Ja, mit den Plänen für den 'Eisernen Willibald'. Das war vielleicht ein Skandal, nicht wahr?"

"Absolutely!"

"Splendid!"

Britische Clubs sind Institutionen der Exklusivität. Heute kann sich nur derjenige einem exklusiven Zirkel zurechnen, der über rare Informationen verfügt. Geheime Informationen. Wertvolle persönliche Daten. Wer Mitglied im Lost Laptop Club werden will, muss beweisen, dass er diesem Zirkel auserlesener Persönlichkeiten angehört. "Und zwar dadurch, dass er seinen Laptop mit allen wichtigen Daten darauf verliert. Möglichst publikumswirksam, of course. Verschlüsseln verboten!", erklärt Sir Clive und zwirbelt das unanständige Ende seines Schnauzbarts. Erst wenn der Laptop-Verlust es in die internationalen Presseagenturen geschafft hat, wird der Bewerber aufgenommen.

"Das hat zu einem regelrechten Wettrennen geführt", stellt Sir Clive fest. "Reichte es am Anfang noch, sein Notebook mit zwei oder drei halbwegs interessanten Dokumenten darauf in der Ministeriumscafeteria liegen zu lassen, so muss man heute schon zu drastischeren Mitteln greifen. Jung Cecil dort drüben, Agent des Innenministeriums, hat alle persönlichen Daten aus der Sozialversicherung in eine Excel-Tabelle gepackt und als Bürohumor-Attachment an die Kantinen-Mailingliste des Gewerbegebiets Slough verschickt. Bobby, der Gentleman dort am Kamin, ein Mann vom MI6, hat die Namen aller NATO-Doppelagenten in Serbien als PowerPoint-Präsentation auf einem Werbe-Großbildschirm in Belgrad-Mitte durchlaufen lassen."

"Wunderbar!", sage ich und meine den Nachtisch: Plumpudding mit Novocain.

"Nicht wahr? Und wir nehmen sogar Frauen und Ausländer auf. Auch ausländische Frauen. Aus Österreich."

"Was Sie nicht sagen."

"Die Eintrittsschwelle ist da natürlich herabgesetzt. Einen fünf Jahre alten Acer mit Aufmarschplänen aus dem Zweiten Weltkrieg in der Tramlinie D liegen zu lassen reicht aber leider auch nicht. Müssen schon ein paar Geräte mehr sein. Wir arbeiten uns gerade durch die jüngst auf ihrer Parlamentswebsite veröffentlichten Listen. Der Gewinner bekommt einen Billigflug nach Stansted und eine Runde Shepherd's Pie."

"Sehr attraktiv, Sir Clive."

"Dafür, dass Sie diese Information erhalten haben, müsste ich Sie eigentlich umbringen lassen."

"Haha. Sicher."

"Cecil! Bobby! Kommen Sie doch bitte kurz zu uns. Die Gentlemen aus Wien möchten Sie kennenlernen."

(futurezone | Günter Hack)