Fußball-EM: Wie live ist live?
Ganz Österreich fiebert im Stadion und vor dem Fernseher bei der Fußball-EM mit. Die unterschiedlichen digitalen Übertragungsverfahren bringen aber Signalverzögerungen von mehreren Sekunden mit sich. ORF.at hat herausgefunden, wer die EM-Tore als Erster auf dem Bildschirm sieht.
Mit der Fußball-EM 2008 hat sich in Sachen Fernseherlebnis einiges verändert: Der Umstieg bzw. das Aufrüsten auf Flatscreens und HDTV ist in vollem Gange, und das TV-Signal kommt mittlerweile in den meisten Haushalten auf dem digitalen Übertragungsweg - sei es über das digitale Antennenfernsehen [DVB-T], Kabel [DVB-C] oder Satellit [DVB-S].
Die digitalen TV-Dienste versprechen eine bessere Bild- und Tonqualität und bieten neben Zusatzservices wie elektronischen Programmguides durch die Komprimierung der Inhalte auch eine größere Programmvielfalt.
Wenn der Nachbar früher jubelt ...
Durch diese unterschiedlichen Komprimierungs-, Codierungs- und Decodierungsverfahren, die auf dem Weg zum Zuschauer angewandt werden müssen, kommt es im Gegensatz zur guten alten Kombination aus Röhrenfernseher und analoger Rundfunkverbreitung zu teilweise deutlichen Signalverzögerungen - und live ist nicht mehr ganz live.
Bei der Übertragung von Fußballspielen kommt das besonders zum Ausdruck, wenn der Jubel beim Nachbarn bereits ausbricht, bevor der Ball auf der eigenen Mattscheibe ins Tor findet. Im Handy-TV-Test ermittelte ORF.at etwa bei DVB-H eine Verzögerung von 17 Sekunden.
Im Handy-TV-Test bemerkte ORF.at die signifikante Signalverzögerung von 17 Sekunden bei DVB-H und fünf Sekunden bei DVB-T.
Analog am schnellsten
Michael Fischer, Universitätsassistent am Institut für Nachrichtentechnik und Hochfrequenztechnik [TU Wien], weiß, wer das Tor nach den Stadionbesuchern als Erstes sieht: "Das Signal braucht bis zu eine halbe Sekunde von der Kamera zum Kontrollmonitor im Schnittraum. Schneller als der Regisseur ist also kaum jemand dran." Von dort werde es weiter in die Sendezentralen geschickt, wo der ORF bei dieser Fußball-EM die Nase vorn habe, weil er an Ort und Stelle ist. Dieser Schritt benötige eine weitere halbe Sekunde.
Laut Fischer wäre das analoge Signal das schnellste, weil es auf seinem Weg am wenigsten bearbeitet wird. Als Nächstes komme dann das analoge Kabel-TV und Satfernsehen. Wieder etwas länger sei die Verzögerung dann bei DVB-T und dem Empfang per Digitalsatellit.
Receiver verzögern weiter
"Alle digitalen Verfahren liegen weiter hinten, weil das Bild stark aufbereitet werden muss, um konstante Qualität zu liefern", erklärt Fischer im Gespräch mit ORF.at. "Die Codierung erfolgt in erster Linie, um störungsfreie Bilder zu senden." DVB-H brauche viel länger, weil viel stärker codiert werden müsse, um dem schwankenden Empfang am Handy ausgleichend entgegenzuwirken.
Ein wichtiger Faktor für die Signalverzögerung stellt laut Fischer auch die Qualität des Endgeräts, also des Receivers bzw. der Set-Top-Box zu Hause, dar: "Die Codierung muss vom Endgerät wieder rückgängig gemacht werden." Da gebe es sehr große Unterschiede von in Summe bis zu 30
Sekunden. Dieser Faktor mache es auch schwierig, so Fischer, eine endgültige Rangliste der Geschwindigkeit der unterschiedlichen Übertragungsverfahren zu erstellen.
Radio "am livsten"
Wer so wenig Verzögerung wie möglich in Kauf nehmen will, muss allerdings auf das bewegte Bild verzichten: "Am 'livsten' ist natürlich die Radioübertragung, weil viel kleinere Datenmengen transportiert werden müssen", so der Tipp vom Nachrichtentechniker.
UPC: Ein bis zwei Sekunden bei Digikabel
"Bei Digital-TV gibt es immer eine Zeitverzögerung", erklärt auch UPC-Sprecher Gustav Soucek auf Anfrage von ORF.at. "Kabel-TV ist aber noch am schnellsten, weil erdgebunden. Am zeitnahesten ist der Live-Empfang mit unserem analogen Kabel-TV, das direkt und nicht komprimiert ist."
Beim digitalen Kabel-TV von UPC betrage die Zeitverzögerung etwa ein bis zwei Sekunden. Die Verzögerung entsteht dadurch, dass die einzelnen Sendersignale vom Kabel-TV-Anbieter erst in den eigenen Stream gelegt [Re-Multiplexing] werden müssen.
Während UPC zum ORF beispielsweise einen eigenen Studiolink über Glasfaser habe, wird das ZDF-Signal etwa über Satelliten abgegriffen und eingespeist. Deshalb gebe es auch Verzögerungsunterschiede zwischen einzelnen Sendern im Telekabel-Portfolio, diese liegen aber laut UPC-Technik im Millisekundenbereich. Die Übertragung des seit Anfang Juni in Betrieb genommenen ORF1 HD verursache übrigens keine Extra-Verzögerung, heißt es in der Technikabteilung.
Seit Jahren im Programm, hat UPC sein Digital-TV-Angebot nun mit der Ausstrahlung von hochauflösenden Fernsehbildern belebt. Die Euro 2008 in HD, Set-Top-Boxen mit HDMI-Ausgang und Festplattenrecorder mit EPG sorgen für frischen Wind.
Fünf bei DVB-T und Digisat
Der ORF wird über DVB-T und DVB-S mit einer Signalverzögerung von fünf Sekunden ausgestrahlt, erklärt Peter Knorr, Leiter DVB-Systeme bei der ORF-Sendetechniktochter ORS, im Gespräch mit ORF.at. Die vom ORF angelieferten Video- und Audiosignale werden zuerst in MPEG2-Signale umgewandelt.
Die größte Verzögerung entstehe aber durch das "statistische Multiplexing": Alle ORF-Signale wandern dabei in eine Blackbox, die diese analysiert und jedem Programm die optimale Bitrate zuteilt. Jene Programme, die schnelle Änderungen vorzuweisen haben, bekommen dabei eine höhere Bitrate zugewiesen.
Bei DVB-S kommt dann noch die Laufzeit zum Satelliten und zurück zum Kunden hinzu, die sich aber im Millisekundenbereich abspielt.
Österreich ist Satelliten-Vorreiter
Kein anderes europäisches Land weist übrigens bei seinem TV-Empfang einen so hohen Satelliten-Anteil auf wie Österreich. 55,3 Prozent der Fernsehhaushalte versorgen sich hierzuzlande mit dem Signal aus dem All. Diese Zahlen weist der aktuelle, von GfK erhobene und von Astra in Auftrag gegebene "Satelliten Monitor".
Das Unternehmen versorgt nach eigenen Angaben 99 Prozent der 1,9 Mio. Sathaushalte in Österreich. Insgesamt zählte die Erhebung für 2007 3,44 Mio. analoge und digitale TV-Haushalte. 1,25 Mio. Haushalte beliefert das Kabel [36,5 Prozent], über einen terrestrischen Empfang wird in 250.000 [7,2 Prozent] Wohnzimmern ferngesehen.
Derzeit wird bereits am Standard DVB-T2 gearbeitet, der auch hochauflösende Bilder über das Antennenfernsehen ermöglicht.
IPTV ohne Extraverzögerung
Bei der Telekom Austria erklärt man auf Anfrage, dass Signalverzögerungen bei AonTV zwar von der Signalquelle übernommen würden, durch die Verbreitung über Kupferleitungen aber keine zusätzlichen Verzögerungen hinzukämen: "Das Signal wird von uns direkt übernommen und sofort unverändert weitergeleitet", so eine Sprecherin.
Die Verzögerungen seien deshalb wie bei jedem anderen Kabelnetzbetreiber. Das ORF-Signal werde wie bei UPC direkt übernommen.
(futurezone | Nayla Haddad)
