Netzkulturelle Artenvielfalt 2.0

26.05.2008

Die Folgewirkungen sozialer Netzwerke sind im Wiener Kulturleben nicht mehr zu übersehen. Die aktuelle Netzkulturwoche sagt gebündeltes Auftreten neuer Prototypen der Netzkultur voraus und bietet damit einen willkommenen Anlass, eSeLs Speziesforschung um neue Paradebeispiele zu erweitern.

Die Web-Optimierer

Sie perfektionieren Weblogs und Suchmaschineneinträge, halten sich über SMS-Gezwitscher up to date, und jeder glaubt vom anderen, dass er [oder gar sie?] mit Web 2.0. viel Geld verdient.

19.00 Uhr, WerkzeugH, Schönbrunner Str. 61, 1050 Wien

Die DIY-Hardware-Handwerker

Sie erweitern die Skill-Palette zeitgenössischer Geek-Kultur um handwerkliches Geschick und wissen mit geringen Mitteln jede Aufgabe zu lösen. Ihre Belohnung sind steile Lernkurven, direkter Wissensaustausch und wenig Geld im Austausch gegen die tiefe Befriedigung, ausgerechnet im Hightech-Zeitalter seine sieben Sachen selbst herstellen zu können. Erst wenn es 3D-Druckern wirklich gelingen sollte, sich selbst zu reproduzieren, werden sie sich endlich zurücklehnen dürfen.

19.00 Uhr, net.culture.space, quartier21, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Die Spieltheoretiker

Sie betrachten Jugendkultur aus angemessener Distanz und haben keine Hemmung, aktuelle Codes für ihre schicken Installationen zu verwenden. Große Künstlernamen bereiten den prominenten Rahmen, in dem sich dann ein paar Junge und einige echte Medienkünstler zeigen dürfen.

19.00 Uhr, kunsthalle wien project space, Karlsplatz, Treitlstraße 2, 1040 Wien

Die Datenrechthaber

Sie haben längst kapiert, welchen Schwachsinn Entscheidungsträger zum Thema Überwachung und Datenschutz täglich eingeflüstert bekommen [und leider auch umsetzen]. Trotzdem lassen sie sich unermüdlich neue Strategien einfallen, um mit sexy Veranstaltungen auf Selbstverständlichkeiten im digitalen Zeitalter hinzuweisen. Ihre Hoffnungn: Dass irgendwann viele kapiert haben, dass man nichts zu verbergen haben muss, um eine eigene Privatsphäre beanspruchen zu dürfen.

19.00 Uhr, Raum D, quartier21, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Die Verunsicherungsallianz

Sie sprechen die Sprache ihrer Gegner und wissen sich widrigen gesellschaftlichen Entwicklungen mit strategischer Kommunikation – und beinhartem Humor - zu widersetzen. Den Sicherheitsmaßnahmen der Fußball-Meisterschaft werfen sie Helikopterschatten voraus und nehmen die Feelgood-Mentalität diverser Kulturwirtschaften als Erfüllungsgehilfen ins Fadenkreuz. Nationalen Angstmaschinen setzen sie internationale und philosophische Vernetzung entgegen, die im Sperrfeuer ihrer Kommunikationsguerrilla bloß zu befürchten hat, zu spät verstanden zu werden.

Siehe dazu auch:

Donnerstag, 19.00 Uhr, kunsthalle wien project space, Karlsplatz, Treitlstraße 2, 1040 Wien

Freitag, 20.00 Uhr, fluc_wanne, Praterstern, 1020 Wien

~ Link: "Sicherheitsrisiko" Wasserfarbe (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=279440v2) ~

Die Kunstschüler

Sie bekommen für ihre zukünftige Künstlerkarriere nichts geschenkt und müsse neben ihrer Diplomarbeit auch eine eigenen Ausstellungsort organisieren. Die vifen Grafikdesigner und interdisziplinären Arbeiter konnten für ihre Abschlussausstellung zum letzten Mal die alte Kunstquartier-Fabrik ihrer Schule erobern, aber dann heißt's raus in die kalte Wirklichkeit des harten Künstlerlebens da draußen.

19.00 Uhr, u. a. Expositur der wiener kunst schule, Anton-Scharffgasse 4, 1120 Wien

Die Mode-Zusammenhänger

Sie tragen komische bunte Gewänderreste auf Laufstegen, die in ihren Geschäften mehr als sehr viel Geld kosten. Irgendwie können sie damit beeinflussen, was Jahre später bei H&M hängen wird, aber wie diese verschworenen Kreise funktionieren werden wir nie verstehen. Müssen wir auch nicht.

Ab 19.00 Uhr, an diversen Locations in Wien

Die Bezirkskünstler

Sie leben in einem bunt durchmischten Wiener Stadtbezirk, kaufen ihr Gemüse und Fladenbrot auf dem Brunnemarkt, arbeiten gerne zusammen und hängen ihre Kunstwerke beim Nachbarn in die Auslage. Einmal jährlich verdoppelt sich ihre Herde durch herumirrende Artgenossen, die mit Programmfoldern in Händen das Viertel erkunden und nach diesen Auslagen suchen.

Nur noch bis Samstag, täglich, Ottakring, 1160 Wien

ESeL protokolliert das Kunstgeschehen in Wien und freut sich über weitere Vorschläge.

(eSeL)