Fotografieren ist das neue Rauchen

22.05.2008

Sie sind überall. Sie sorgen für Empörung. Sie tun es in Restaurants, in Zugabteilen, in Museen und in Theatern. Und der Staat ist schon dabei, sich um sie zu kümmern. Überwachungsideologie, Anti-Terror-Kampf und Gedankenlosigkeit bedrohen die Freiheit der Fotografie.

Erlebnis 1: Ich sitze mit einem alten Bekannten im Hof des Wiener MuseumsQuartiers. Da kommen zwei junge Burschen auf uns zu, einer davon mit einer Spiegelreflexkamera. "Dürfen wir ein Foto von Ihnen machen?", fragt der eine mein Gegenüber. "Für den Fotokurs an der Schule." Mein Bekannter winkt ab. "Lieber nicht", sagt er, und die beiden Burschen ziehen ab, enttäuscht. "Mir reichen schon die ganzen Kameras, die sonst überall rumhängen."

Erlebnis 2: Nach dem Interview mit Ernst von Glasersfeld, einem sehr angenehmen Gespräch, will ich noch ein Foto von ihm machen, gehe mit der Kamera in Position, löse ein paar Mal aus. Er scheint sich unwohl zu fühlen, sagt amüsiert: "Klingt ja wie ein Maschinengewehr", aber nur halb im Scherz. Ich schäme mich.

Penetration und Penetranz

Das Verhältnis der Gesellschaft zur Fotografie hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Grund dafür ist die zunehmende Verbreitung der Digitalkamera, die immer kleiner und billiger wurde und mittlerweile in beinahe jedem Handy steckt. Wie für das Handy gilt auch für die Digicam, dass hohe Penetration auch für mehr Penetranz sorgt. Da digitale Bilder nichts mehr zu kosten scheinen, wenn die Kamera erst angeschafft ist, fotografieren die Menschen viel häufiger als vorher mit der analogen Technik. Im Restaurant, auf belebten Straßen, im Kaffeehaus, immer und überall ist jemand dabei, die Kamera zu zücken.

Die zahllosen privaten Objektive scheinen dabei die Videokameras zu ergänzen, die uns aus allen Ecken heraus anstarren, insektenhaft an Wagendecken öffentlicher Verkehrsmittel kleben, unsere Wege durch Einkaufszentren und Straßen verfolgen. Diese Kameras wiederum sollen Verbrechen verhindern, sie sind mehr psychologische als optische Geräte, ihre Aufgabe ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, die unmittelbar an eine vage Ahnung von Gefahr geknüpft ist, an die Angst vor Gewalt.

Kunst und Jagd

Nun liegt im Akt des Fotografierens spätestens seit Erfindung der Kleinbildkamera auch ein Zug waidmännischer Gewaltanwendung verborgen, der auch in unserer Sprache steckt. Wir "schießen" Fotos. Henri Cartier-Bresson, Meister der Bildreportage, beschreibt in dem berühmten Vorwort zu seinem Buch "Der entscheidende Augenblick" von 1952 seine Arbeit mit Begriffen und Vergleichen, die sowohl der Sprache des Jägers als auch der des Tänzers entlehnt sind. Im schöpferischen Augenblick steht alles auf dem Spiel, auch ob der Fotograf ein Künstler ist oder ein Schütze. "Selbstverständlich keine Blitzlichtaufnahmen, und sei es auch nur aus Respekt vor dem noch so kärglichen Naturlicht", schreibt Cartier-Bresson, "Andernfalls wird der Fotograf zu einem unerträglich aggressiven Wesen. Sein Beruf hängt so sehr von dem Verhältnis ab, das er zwischen sich und den Leuten herstellt, dass ein einziges Wort alles verderben, alles zum Gefrieren bringen kann."

Die Aufrüstung des öffentlichen Raums mit Kameras hat dieses delikate Gleichgewicht nun gefährlich gestört. Betrachtet man Videos über US-Straßenfotografen wie Garry Winogrand, Joel Meyerowitz und Jeff Mermelstein, fällt es heute schwer, sich vorzustellen, dass diese merkwürdigen Gestalten, die jeder Erscheinung selbstverständlich mit Neugier und ihren M-Leicas begegnen, nach einem Tag auf der Straße noch unverletzt bleiben würden.

Kommunisten und Terroristen

Wie wichtig das gesellschaftliche Klima dafür ist, dass die innere Balance der Fotografie als Kunst gewahrt bleiben kann, zeigt ein Erlebnis, das der britische "Telegraph" unlängst beschrieben hat. Der ursprünglich aus der Schweiz stammende Fotograf Robert Frank reiste 1955 kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, um Material für sein heute berühmtes Buch "The Americans" zu sammeln. Dabei wurde er in Arkansas von Polizisten festgehalten, die Frank aufgrund der Fotoausrüstung in dessen Auto für einen kommunistischen Spion hielten – die Hasskampagne des erst 1954 gestürzten Senators Joseph McCarthy, der die USA als von sowjetischen Agenten unterwandert dargestellt hatte, wirkte nach wie vor weiter.

Im "Krieg gegen den Terror" lebt diese Atmosphäre wieder auf. Die Londoner Polizei fordert im Rahmen eines eigenen Programms die Bevölkerung dazu auf, Fotografen, die "verdächtig" aussehen, umgehend zu denunzieren. Das US-Weblog War on Photography sammelt Nachrichten über aggressives Vorgehen staatlicher und privater Sicherheitskräfte gegen Fotografen.

Staat und Gewalt

In einem solchen Umfeld wird das Fotografieren zum Akt der Gewalt. Das wiederum macht es staatlichen Stellen leicht, es als Verstoß gegen ihr Gewaltmonopol zu definieren und dagegen vorzugehen. Die Tendenz geht dahin, die Räume, in denen das Fotografieren erlaubt ist, zurückzudrängen - auch wenn die Gesetzeslage noch dagegensteht.

Dieser Trend wird auf die sozialen Konventionen wirken. Es kostet kaum noch Mühe, sich Nichtfotografenrestaurants und Nichtfotografenabteile vorzustellen. Fotografieren ist das neue Rauchen.

(futurezone | Günter Hack)