05.12.2005

ÖSTERREICH

E-Sports: Auf der Suche nach Anerkennung

Unter einem Videospiel-Fan stellt man sich üblicherweise jemanden vor, der ein paar Kilo zu viel auf den Knochen hat, wenige Sozialkontakte pflegt und die meiste Zeit alleine spielend vor dem Rechner oder der Konsole verbringt.

So waren denn auch die Überraschung und das Echo groß, als mit Verena Vlajo dieses Jahr erstmals eine Frau bei den World Cyber Games [WCG], den "Olympischen Spielen" der Videogames, an den Start ging.

Denn die 24-Jährige ist nicht nur attraktiv, sie entspricht auch sonst in keiner Weise dem gängigen Klischee - bis auf eines: Sie spielt für ihr Leben gern Videospiele. Und sie misst sich dabei gerne mit anderen, wie etwa auch Sportler bei Wettkämpfen, nur eben digital - das macht sie zur E-Sportlerin.

"Hier bist du ein Trottel, wenn du spielst"

Knapp zwei Wochen sind seit den WCG in Singapur vergangen, doch die Faszination ist Vlajo immer noch anzumerken: Nicht nur die Dimension der Veranstaltung, vor allem die Zuschauer und deren offensichtliche Begeisterung waren beeindruckend, so Vlajo gegenüber futurezone.ORF.at mit leuchtenden Augen.

"Hier bist du ein Trottel, wenn du spielst", fasst sie die aktuelle Lage von E-Sports und der Akzeptanz von Videospielen in Österreich im Allgemeinen zusammen. Bei den WCG seien hingegen ganze Familien samt Omas und Opas unter den Zuschauern gewesen, inklusive Fahnenschwingen und Jubelchören.

Es sei für sie sehr ungewohnt gewesen, dass ihr überhaupt Leute beim Spielen zuschauen, so Vlajo. Ihr Status als einzige und vor allem erste Frau, die jemals bei den WCG teilgenommen hat, haben ihr mehr Aufmerksamkeit und vor allem Medienecho eingebracht, als ihr mitunter offenbar selber lieb war.

"Erfurt hat der Szene sehr geschadet"

"Singapur war der Wahnsinn" - bereits im Vorfeld sei sie per E-Mail mit Interview-Anfragen überschüttet worden, während der WCG selbst war sie dann wohl für eine Woche die bekannteste Person in Singapur.

Auf die Frage, warum nicht mehr Frauen Videospiele spielen, meint Vlajo: "Sie spielen ja, sie geben es nur nicht zu." Viele würden verleugnen, dass sie sich für virtuelle Spiele interessieren, nicht zuletzt weil Gamern ein schlechter Ruf anhafte. Erfurt habe der Szene sehr geschadet, so Vlajo.

In der Debatte nach der Bluttat in Erfurt sei die Tatsache, dass der Täter Mitglied eines Schützenvereins war und selber Waffen zu Hause hatte, weniger diskutiert worden als der Besitz eines einzigen Videospiels, so Vlajo. Zudem sei das Spiel ohne Internet nicht sinnvoll spielbar - die Wohnung des Täters sei aber nicht vernetzt gewesen.

Spielen aus Spaß an der Freude

Argumenten, wonach manche Videogames gewaltfördernd sein sollen, hält sie ihrerseits Studien entgegen wie etwa jene, dass seit der Einführung von "GTA" ["Grand Theft Auto"] weniger US-Jugendliche zum Spaß Autos knacken, um damit ziellos durch die Gegend zu fahren.

Gewalt sei bei Gamern generell kein Thema: "Stecke einmal 800 Fußballfans für drei Tage in eine Halle - bei Spielern passiert nix."

Vlajo spielt aus Spaß an der Freude und am liebsten mit und unter Freunden - dafür hat sie sich vier Gameboy SPs angeschafft. Aber selbst wenn sie alleine in ihrem Zimmer spielt, unterhält sie sich mit ihren Freunden und Gegnern übers Netz, während sie miteinander spielen.

Suche nach Anerkennung

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, als professionelle Gamerin für Geld und einen Sponsor um ihren Lebensunterhalt zu spielen, zögert sie mit der Antwort. Für eine Saison wäre das sicher interessant, so Vlajo, aber fünf Stunden täglich dasselbe Spiel zu spielen sei ihr zu fad.

Auch der Rang eines Superstars, wie ihn etwa viele Gamer in Südkorea haben, wäre ihr auf Dauer nicht angenehm. Sie wolle irgendwann Kinder haben und unerkannt auf der Straße spazieren gehen können.

Gegen ein wenig Anerkennung für die Leistungen bei den WCG hätten aber weder Vlajo noch ihre Mitstreiter etwas einzuwenden - das große Geld fürs Spielen wie in Südkorea ist hier zu Lande vorerst nämlich nicht in Sicht.