"Wo wir sind, werden Browser sein"
"Was vom Internet bis jetzt sichtbar geworden ist, sind gerade einmal fünf bis zehn Prozent seiner Möglichkeiten", sagte Patrick beim "Internet Summit", "mindestens 90 Prozent des Potenzials sind noch ungenutzt."
Auf die Frage, wo sich diese 90 Prozent der für die Gesellschaft nützlichen Möglichkeiten denn derzeit befänden, antwortete der langjährige IBM-Topmanager: "Die sind immer noch auf unnötigem Papier."
"Adam Smiths unsichtbare Hand"
Und dann zählte er auf, in welchen Lebensbereichen dieses Wachstum zu erwarten sei, beginnend mit dem Gesundheitswesen, wo abertausende Tonnen von Papier Jahr für Jahr produziert würden.
Über IP-TV und den beginnenden Wettbewerb zwischen US-Kabelnetzbetreibern und Telefonfirmen, hinter dem Patrick "Adam Smiths unsichtbare Hand" walten sieht, bis zum vernetzten Haus [voll überwacht, inklusive IP-Adressen für Quirl, Türöffner etc.]: So listete Patrick, ganz der protoypische Techno-Evangelist nordamerikanischer Provenienz, eine Verheißung des Internets nach der anderen auf.
Studiert hat Patrick freilich nicht am MIT, wo der Glaube an die Technik noch tief verwurzelt und ungebrochen ist, vielmehr hat er gleich drei Abschlüsse vorzuweisen: Einen in Technik, einen in Wirtschaft sowie einen in Recht.
John Patricks BlogTotale Authentifizierung kommt
Zu den bevorzugten Themen der nordamerikanischen Techno-Elite gehört natürlich auch das ubiquitäre Computerwesen, Patrick formuliert das so: "Nicht wir werden zum PC gehen, sondern: Wo wir sind, werden Browser sein", denn schließlich müsste die rundum vernetzte Alltagselektronik im modernen Haushalt ja irgendwie gesteuert werden.
Dazu gehöre natürlich auch die sichere Authentifizierung von allem und jedem, der traurige Zustand des jetzigen Internets lege das nahe, meinte Patrick, der übrigens auch im Vorstand des norwegischen Browser-Fabrikanten Opera sitzt. Spam, Phishing und Viren hätten nämlich eines gemein: Nur durch die fehlende Authentifizierung des Absenders seien diese Straftaten technisch überhaupt möglich.
Binnen eines Jahres werde diese Authentifizierung kommen, auf allen Ebenen, beginnend zum Beispiel beim SMTP-Protokoll zum Mailversand, das eben überhaupt keine Authentifizierung beinhalte.
Der britische Nationalökonom Adam SmithFinger weg vom DNS-System
Einwände, dass bei so vollständiger, um nicht zu sagen totaler Authentifizierung und Adressierung eventuell die Bürgerrechte auf der Strecke bleiben könnten, haben im Bereich des techno-spirituellen Kapitalismus nordamerikanischer Ausprägung naturgemäß wenig Geltung: "Wenn sich Menschen dann sorgen, dass sie vom Staat beobachtet werden - na dann beobachten halt wir auch den Staat", diese Möglichkeit bringe die umfassende Authentifizierung nämlich ebenfalls mit sich.
Vom DNS-System, dessen Modernisierung ebenfalls von einigen Technik-Auguren periodisch gefordert wird, sollte man allerdings lieber die Finger lassen, sagte Patrick. Ein Umbau in der Praxis sei kaum vorstellbar und außerdem gelte: "If it is not broken, don't fix it."
Ebenso praktisch ist für den Linux-User Patrick der Zugang zu Linux wie zu freier Software generell. Darüber folgt eine eigene Story in futurezone.ORF.at.
Addendum:
In einem der komischsten Kapitel seiner jüngst erschienen zweiten Bandes seiner Autobiografie beschreibt der US-Autor David Sedaris eindringlich seine Technikphobie, die sich in unüberwindbarer Abscheu vor allem Digitalen, besonders vor Computern aller Art, Handys und dem Internet als Solches äußert. Alleine Gespräche darüber anhören zu müssen beschert dem Autor Seelenschmerzen.
Durch alle Kapitel des Buchs - das Sedaris wie alle anderen auf der Schreibmaschine getippt hat - aber geistert die Figur seines Vaters: eines schrulligen IBM-Ingenieurs, der seine Familie permanent durch Berechnungen von allem und jedem mit seinem ubiquitären Taschenrechner nervt und seine sechs Kinder stundenlang mit abgehobenen Technik-Utopien traktiert.
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