06.11.2005

MATRIX FORUM

Computer als politische Waffe

Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004 und bei den diesjährigen Parlamentswahlen in Großbritannien haben sich die großen Parteien im Wahlkampf auf riesige Datenbanken gestützt. Darin enthalten: Persönliche Angaben zu potenziellen Wählern, die diese zuvor als Konsumenten hinterlassen hatten.

Die konservativen Tories in Großbritannien gingen dabei sogar soweit, das als "Voter Vault" bekannte Datenbanksystem der Republikaner zu übernehmen, das Wählerdaten mit Konsumentendaten verknüpft und dem Wahlkampfteam von George W. Bush 2004 entscheidend geholfen hat, potentielle Wähler aufzuspüren.

"Targeting" und "Micro-Targeting"

Anhand der Autos, die gefahren werden und anhand des Haushaltseinkommens und des Wohnorts lässt sich für die Parteien exakt bestimmen, ob ein bestimmter Wähler besonders umworben werden muss, oder ob er im Wahlkampf ignoriert werden kann, da sein Stimmverhalten das Wahlergebnis nicht entscheidend beeinflusst.

Die großen Parteien in Großbritannien und den USA wissen auch, welche Zeitschriften ihre potentiellen Wähler lesen und welche Fernsehsendungen sie bevorzugt sehen - und nur dort wird dann auch geworben. Mittels Datamining ist es den Parteien dabei möglich, Mini-Messages für immer enger und genauer definierte Zielgruppen maßzuschneidern. "Micro-Targeting" nennt sich diese Technik.

"Micro-Targeting" ist nur die Weiterentwicklung von "Targeting" - einer Technik, die der amerikanische Wahlkampfmanager und Politikberater Matthew A. Reese bereits vor über 25 Jahren entwickelt hat. Reese definierte diese Technik wie folgt:

"Targeting ist ein Verfahren, Wähler auszuschließen, an denen man sich nicht 'profitabel' abarbeiten kann, so dass es genug Ressourcen gibt, um wichtigere Wählergruppen mit genügend hoher Intensität zu erreichen und zu gewinnen."

Es geht dabei um einen möglichst ökonomischen Einsatz der den Parteien zur Verfügung stehenden Mitteln. Bereits Matthew Reese predigte die Konzentration der Aufmerksamkeit und der Mittel auf zwei Wählergruppen: Unentschlossene und wahlmüde Sympathisanten.

Reese legte den Schwerpunkt dabei auf, wie er es nannte, "geodemographisches Targeting", also die Verbindung von Wahlstatistik, Sozialdaten und dem Wissen darüber, wo welche Zielgruppen wohnen. Reese erkannte dabei bereits früh:

"Menschen mit ähnlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Präferenzen wohnen meist nah beinander."

Mit immer genaueren Methoden wurden zunächst ganze Stadtviertel und später einzelne Straßenzüge als Einsatzgebiete für den Wahlkampf definiert.

Ursprünglich mit einfachen Mitteln - mit " Papier, Bleistift und Taschenrechner", wie der deutsche Politikberater Marco Althaus in seinem Standardwerk "Kampagne 2" zu den Anfängen von Targeting schreibt, wurden "die Wahlkampfressourcen Zeit, Geld, Personal und Werbematerial optimal und rational auf die Stimmbezirke verteilt".

Mittlerweile erlaubt computergestütztes Datamining das Erstellen von exakten Wählerprofilen und "Micro-Targeting" in noch nie dagewesener Präzision. Peter Filzmaier, Politikwissenschafter an der Donau-Universität Krems, weiß zur Frühgeschichte des politischen Dataminings per Computer zu berichten: "Die Anfänge waren in den 80er Jahren, auf Seiten der Republikaner, die noch unter Ronald Reagan eine Computerdatenbank aufbauten, die einerseits Detaildaten über Wählergruppen, andererseits auch im Rahmen der Oppositionsforschung Details über die politischen Gegner -

"Targeting" ist alles

Targeting-Pionier Matthew Reese sorgte noch für eine weitere Innovation: Um Streuverluste wie bei der Wahlwerbung auf der Straße und auf Plakaten zu minimieren, setzte er statt dessen lieber auf Wahlwerbung per Telefon und Direktmailings. Auch diese Form der Wahlwerbung gewinnt, unterstützt durch den technischen Fortschritt, immer mehr an Bedeutung.

Die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung, die im April und Mai den britischen Wahlkampf vor Ort genau beobachtet und darüber ein Bericht mit dem Titel

"'Targeting' ist alles" veröffentlicht hat, sah einen "virtuellen Wahlkampf" und einen "Wahlkampf unter Ausschluss der Öffentlichkeit". Der Wahlkampf fand stat dessen woander statt.

Kritik am "politischen Präzisionsmarketing"

Speziell in Großbritannien ist an dieser Art des "politischen Präzisionsmarketings" Kritik laut geworden. Peter Oborne, Chefredakteur und Chefkolumnist der politischen Wochenzeitschrift "Spectator", warnt etwa in diesem Zusammenhang davor, dass in Wahlkämpfen künftig nur mehr kleine, wahlentscheidende Gruppen hofiert werden könnten. Die Stimmen einiger Wählergruppen würden dadurch mehr zählen als die anderer; Wahlen wären damit kein wirklich kollektiver Diskussions- und Willensbildungsprozess mehr.

In den USA war es etwa eine Handvoll "Swing States", in Großbritannien waren es gerade einmal 900.000 der über 45 Millionen britischen Bürgern, die über den Wahlausgang entschieden und die deshalb von den Parteien besonders umworben wurden.

Die in den USA entwickelten Techniken der datenbank-basierten Wahlkampfführung werden weltweit übernommen und kopiert - nicht nur in Ländern mit Mehrheitswahlrecht und auch in Österreich.