Europa und das Internet
In den 70er Jahren existierten in Europa bereits ehrgeizige Pläne für den Aufbau eines eigenen "Europäischen Informatik Netzwerkes".
Der Engländer Donald Davies vom "National Physical Laboratory", der zeitgleich mit dem Amerikaner Paul Baran die Methode "packetswitching" erfand , experimentierte seit Ende der 60er Jahre am Nationalen Institut für Physik an einem Netzwerk namens NPL.
In Frankreich realisierte das Team rund um Louis Pouzin, dem auch Hubert Zimmermann angehörte, 1973 das Netzwerk Cyclades. Dabei arbeiteten die Franzosen eng mit den Amerikanern zusammen. Das Design von Cyclades beeinflusste auch den weiteren Verlauf der Geschichte in den USA: Bob Kahn und Vint Cerf übernahmen 1974 Teile des Konzepts und inkorporierten es in ihr Protokoll TCP, Transmission Control Protocol.
Die goldenen Netzwerk-Zeiten
Zu dieser Zeit war das Leben der Computernetzwerker noch in Ordnung. Arpanet und Cyclades bewiesen, dass ein verbindungsloser Netzaufbau funktionierte, und mit Datagrams und TCP war der nächste Schritt Richtung Internet gesetzt. Um den Aufbau transnationaler Netzwerke voranzutreiben gründete man Mitte der 70er Jahre bei IFIP schließlich die Arbeitsgruppe TC6.
Hubert Zimmermann dazu: "Da kamen die Leute vom Arpanet, NPL, also das Team rund um Donald Davies und noch andere Wissenschafter aus der ganzen Welt zusammen. Die Gruppe bekam somit einen offiziellen und internationalen Charakter. Da saßen nicht nur mehr befreundete Wissenschafter zusammen. Wir fragten uns damals: Wie baut man Computernetzwerke? Wie koordiniert man die Arbeiten am besten? Man tauschte Ideen aus und kam schließlich zu der Überzeugung, dass die Lösung dieser Fragen darin liegt, Standards zu formulieren".
Zusammenarbeit mit ISO
ISO, die Internationale Standard Organisation, die für die Ausarbeitung von weltweiten Normen im technischen Bereich zuständig ist, erschien den Beteiligten als logischer Ort für ein derart internationales Projekt.
Aber dieser Schritt hatte seine Konsequenzen: Ab diesem Zeitpunkt ging es nicht mehr nur um Forschung, sondern vor allem um Macht. Die Wissenschafter saßen jetzt in der Arbeitsgruppe "Open System Standards" nicht nur ihren Kollegen gegenüber, sondern auch Computerherstellern, staatlichen Postmonopolen und den Bürokraten aus diversen Nationalstaaten.
Europa gegen USA
In Brüssel zeigte man sich von dem Vorschlag ein Netzwerk zu schaffen, das auf internationale Normen beruhen sollte, angetan. Schließlich witterte man die Möglichkeit, den Verlauf der Dinge doch noch beeinflussen zu können und sich nicht widerstandslos dem amerikanischen Diktat unterwerfen zu müssen.
Internetworking als das nächste große Ding: Das musste man Ende der 70erJahre weder den Bürokraten noch den Telegraphengesellschaften groß erklären.
ISO OSIOSI versus TCP/IP
Die Pläne für ein internationales und Geräte unabhängige Netzwerk namens "Open Systems Interconnection" (OSI) wurde Ende der 70er Jahre präsentiert. So richtig los ging es trotzdem erst 1980. 15 Jahre lang währte der Streit TCP/IP versus OSI, bis endlich 1995 auch in Europa die Tatsache akzeptiert wurde, dass das Internet mehr ist als nur Telefonie und die von den Amerikanern forcierte "end to end" Architektur, die das Netz dumm hält und die Intelligenz an den Enden ansiedelt, funktioniert und billiger ist.
