McLuhans Erbe
"The medium is the message" ist wohl der berühmteste Satz, den der 1911 geborene kanadische Englischprofessor, Kulturwissenschaftler und Kommunikationsforscher Herbert Marshall McLuhan Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts geprägt hatte.
Seine Erkenntnis, dass sich die Welt im elektronischen Zeitalter zu einem globalen Dorf entwickelt, ist ebenfalls längst Allgemeingut geworden. Nach seinem Tod im Jahre 1980 verlor sein Werk jedoch an Einfluss.
25 Jahre später darf man McLuhan wieder zitieren. Denn McLuhan ist aktueller denn je, betont Derrick de Kerckhove von der University of Toronto.
Derrick de Kerckhove
Derrick de Kerckhove hat mehr als zehn Jahre lang als Übersetzer,
Assistent und Koautor mit Marshall McLuhan gearbeitet. Seit 1983 ist
er der Direktor des "McLuhan-Program in Culture & Technology" an der
University of Toronto in Kanada.
Derrick de KerckhoveDas Ich und die Welt
Derrick de Kerckhove meint, dass die bekanntesten Aussagen von Marshall McLuhan nicht die wichtigsten seien. McLuhan habe viel tiefsinnigere Dinge gesagt, die aus heutiger Sicht geradezu prophetisch wirken. Seine liebste, so de Kerckhove, sei: "Im elektronischen Zeitalter werden wir die ganze Menschheit als unsere eigene Haut tragen."
In einem Zeitalter, in dem das Lokale und das Globale, die ganze Welt und der eigene Körper gleichzeitig präsent seien, würde diese Aussage langsam verstanden.
Das Medium ist die Botschaft
Marshall McLuhan hat sich den Entwicklungen und Auswirkungen der Medien von ihrem grundlegendsten Ursprung angenähert: der Sprache.
In den 40er Jahren befasste er sich zuerst mit den verbalen Künsten der Antike, dann widmete er sich in seinem Buch "Die mechanische Braut" der Volkskultur des industriellen Menschen.
1962 analysierte er in seinem Buch "Die Gutenberg Galaxis" die Auswirkungen der Schrift und des Buchdrucks auf die Kultur, 1964 erschien sein berühmtestes Werk "Understanding Media". Aus Überlegungen über das Fernsehen wurde ihm klar, dass nicht die Inhalte der Medien, sondern die Medien selbst die Menschen beeinflussen.
Als Grundlage für alle kommenden Entwicklungen betrachtete er die Elektrizität. Seine Ideen waren oft schwer nachvollziehbar, wurden häufig kritisiert und falsch verstanden. Trotzdem hat er ein Bewusstsein für die Medien und ihren Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt geschaffen.
Herbert Marshall McLuhan [1911-1980]
1911 in Edmonton, Alberta geboren; studierte Englisch, arbeitete
als Englischprofessor und Kommunikationstheoretiker, schrieb
zahlreiche Bücher und trat in Fernsehshows auf. Er wurde zum Guru
der Technophilen.
Wikipedia-Infos zu Marshall McLuhanDer Prophet des Internet-Zeitalters
Marshall McLuhan hatte bereits Anfang der 60er Jahre geschrieben, dass die Elektrizität die Welt in eine neue - allerdings globale - Mündlichkeit versetzen würde. Alles, was irgendwo auf der Welt passiere, würde alles andere beeinflussen, sodass die halbe Welt damit beschäftigt sein werde, die andere Hälfte zu beobachten und zu belauern.
Die persönliche Identität würde sich in Sippschaften, Netzwerken und endlosen Klatschzirkeln auflösen. Er fürchtete auch den Verlust der privaten Identität durch die elektronische Datenerhebung und meinte: "Je mehr sie über einen wissen, desto weniger existiert man."
McLuhan habe so viele zukünftige Entwicklungen erkannt, wie das Tagging, Blogs, das World Wide Web und Wikipedia, so Derrick de Kerckhove. Er habe sogar hypertextartig gedacht und geschrieben, lange vor der Entwicklung des Hypertext. Er habe immer Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, so zusammengefügt, das sie dann Sinn machten, wenn er nach diesem Sinn suchte.
McLuhan und das I Ging
Derrick de Kerckhove vergleicht diese Denkweise gerne mit dem I Ging - dem mehr als 4.000 Jahre alten chinesischen Orakelbuch. Dabei erhält man durch die Kombination von zufällig gezogenen Stäbchen oder Münzen eine Reihe von Aussagen zu einer Frage. Diese Aussagen kann man auf seine persönliche Situation beziehen, die immer in der Gesamtheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sehen ist.
Das I Ging sagt also nicht die Zukunft voraus. Statt dessen hilft es dem Fragenden, die Richtung, in die die Gegenwart tendiert, zu verstehen. Man könnte also auch sagen: Aus McLuhan kann man herauslesen, was immer man herauslesen möchte.
Für Derrick de Kerckhove ist das Wiederlesen von McLuhan wie das Lesen anderer weiser Bücher: "Ich bin interessiert daran, wie relevant seine Aussagen sind, was ich heute damit anfangen kann. Ich möchte wissen, wie ich mehr aus meinem jetzigen Leben herausholen kann, wenn ich mich mit McLuhan beschäftige."
Dass das offenbar auch andere tun, zeigt eine kleine Anekdote: Vor einer Weile erhielt Derrick de Kerckhove einen Anruf von einem Freund - dem Kunstkritiker Radu Varia. Dessen erste Worte waren: "Alors, McLuhan, toujours mort?" [Also, ist McLuhan immer noch tot?].
McLuhan - still dead?
"McLuhan still dead? 25 years later" war dementsprechend auch der
Titel eines zweieinhalbstündigen Vortrags, den Derrick de Kerckhove
bei der heurigen Ars Electronica hielt.
Nachzuhören als PodcastSonntag, 22.30 Uhr im Ö1-Magazin "matrix"
"McLuhans Erbe - Warum Marshall McLuhan aktueller ist denn je",
in "matrix" kommen Derrick de Kerkhove und Mark Federman,
Chefstratege des McLuhan-Programms, zu Wort. Sie sind um die
zeitgemäße Weiterentwicklung der Medientheorien bemüht.
"Matrix" zum Download für Ö1-Clubmitglieder
