21.08.2005

MATRIX FORUM

Kleinanzeigen als großes Geschäft

Eine neue Wohnung? Einen Gebrauchtwagen? Einen Ferienjob? Die Garage ausmisten? Zahllose US-Amerikaner denken bei solchen Aufgaben zuerst an Craigslist.org. Nutzer können dort auf städtespezifischen Websites kostenlose Kleinanzeigen schalten. Das kommt an: Craigslist verzeichnet über zwei Milliarden Seitenabrufe pro Monat.

Dabei erinnert die Seite an ein Überbleibsel aus den Mittneunzigern. Das Layout ist schlicht und sachlich. Banner, Textanzeigen und Aufforderungen zum Abonnement sucht man vergebens. Neue Technologien wurden nur integriert, wo sie

wirklich Sinn haben. So lassen sich einzelne Rubriken problemlos als RSS-Feed abonnieren.

Das Nachbarschaftsimperium

Craigslist entstand ursprünglich in San

Francisco. Mittlerweile gibt es Ableger in

mehr als 175 Städten weltweit. Die meisten

Craigslist-Seiten widmen sich weiterhin

US-Städten. Doch auch Wien besitzt seine

Anfangs nur ein Terminkalender

Gegründet wurde Craigslist von Craig Newmark, der auch als Namensgeber fungiert. Newmark wollte anfangs eigentlich nur Kunstevents und Ausgehtipps sammeln. Doch seine Nutzer forderten ihn immer wieder heraus, die Liste um weitere Angebote

zu erweitern. "Ich hörte ihnen einfach nur zu und erfüllte ihre Wünsche und der Rest ist Geschichte", erklärt er dazu heute im Rückblick.

Eine Geschichte allerdings, die ohne die üblichen Dotcom-Zutaten auskommt. Aus Skepsis gegenüber dem Internet-Goldrausch wollte Newmark Craigslist anfangs als Nonprofit-Organisation mit Hilfe Freiwilliger betreiben. Nachdem dieser Plan scheiterte, gründete er 1999 eine Firma. Seitdem übt man sich im nachhaltigen Wachstum. Keine Beteiligungen von Venture-Kapitalisten, kein Börsengang.

Die Firma besitzt bis heute gerade einmal 18 Mitarbeiter. Und wenn es um neue Einnahmequellen geht, fragt man lieber die Craigslist-Nutzer, anstatt Geld für Consultants zu verschwenden.

Experten zufolge setzte Craigslist im

vergangenen Jahr rund zehn Millionen

Dollar um. Die Einnahmen stammen

ausschließlich aus Gebühren für

Stellenanzeigen in den drei Metropolen New

York, San Francisco und Los Angeles. Alle

anderen Anzeigen sind komplett kostenlos.

Eine Gefahr für Zeitungsverlage?

Marktforscher haben errechnet, dass Newmarks Firma San Franciscos Zeitungsverlegern allein durch seine Stellenanzeigen Verluste in Höhe von 65 Millionen Dollar beschert hat. Ist Craigslist damit eine Bedrohung für klassische Medien? Newmark gibt sich gelassen: "Der Kleinanzeigenmarkt ist groß genug für alle Beteiligten - man muss eben nur drankommen."

Heute 22:30 im Ö1-Magazin matrix

Janko Röttgers hat Craig Newmark in San

Francisco zum Gespräch getroffen. Thomas

Thaler besuchte die "Wikimania" in

Frankfurt, das erste weltweite Treffen der

Wikpedianer. 400 Teilnehmer, aus insgesamt

52 Ländern, trafen sich für vier Tage, um

über die Zukunft des freien Online-