Kleinanzeigen als großes Geschäft
Eine neue Wohnung? Einen Gebrauchtwagen? Einen Ferienjob? Die Garage ausmisten? Zahllose US-Amerikaner denken bei solchen Aufgaben zuerst an Craigslist.org. Nutzer können dort auf städtespezifischen Websites kostenlose Kleinanzeigen schalten. Das kommt an: Craigslist verzeichnet über zwei Milliarden Seitenabrufe pro Monat.
Dabei erinnert die Seite an ein Überbleibsel aus den Mittneunzigern. Das Layout ist schlicht und sachlich. Banner, Textanzeigen und Aufforderungen zum Abonnement sucht man vergebens. Neue Technologien wurden nur integriert, wo sie
wirklich Sinn haben. So lassen sich einzelne Rubriken problemlos als RSS-Feed abonnieren.
Das Nachbarschaftsimperium
Craigslist entstand ursprünglich in San
Francisco. Mittlerweile gibt es Ableger in
mehr als 175 Städten weltweit. Die meisten
Craigslist-Seiten widmen sich weiterhin
US-Städten. Doch auch Wien besitzt seine
Anfangs nur ein Terminkalender
Gegründet wurde Craigslist von Craig Newmark, der auch als Namensgeber fungiert. Newmark wollte anfangs eigentlich nur Kunstevents und Ausgehtipps sammeln. Doch seine Nutzer forderten ihn immer wieder heraus, die Liste um weitere Angebote
zu erweitern. "Ich hörte ihnen einfach nur zu und erfüllte ihre Wünsche und der Rest ist Geschichte", erklärt er dazu heute im Rückblick.
Eine Geschichte allerdings, die ohne die üblichen Dotcom-Zutaten auskommt. Aus Skepsis gegenüber dem Internet-Goldrausch wollte Newmark Craigslist anfangs als Nonprofit-Organisation mit Hilfe Freiwilliger betreiben. Nachdem dieser Plan scheiterte, gründete er 1999 eine Firma. Seitdem übt man sich im nachhaltigen Wachstum. Keine Beteiligungen von Venture-Kapitalisten, kein Börsengang.
Die Firma besitzt bis heute gerade einmal 18 Mitarbeiter. Und wenn es um neue Einnahmequellen geht, fragt man lieber die Craigslist-Nutzer, anstatt Geld für Consultants zu verschwenden.
Experten zufolge setzte Craigslist im
vergangenen Jahr rund zehn Millionen
Dollar um. Die Einnahmen stammen
ausschließlich aus Gebühren für
Stellenanzeigen in den drei Metropolen New
York, San Francisco und Los Angeles. Alle
anderen Anzeigen sind komplett kostenlos.
Eine Gefahr für Zeitungsverlage?
Marktforscher haben errechnet, dass Newmarks Firma San Franciscos Zeitungsverlegern allein durch seine Stellenanzeigen Verluste in Höhe von 65 Millionen Dollar beschert hat. Ist Craigslist damit eine Bedrohung für klassische Medien? Newmark gibt sich gelassen: "Der Kleinanzeigenmarkt ist groß genug für alle Beteiligten - man muss eben nur drankommen."
Heute 22:30 im Ö1-Magazin matrix
Janko Röttgers hat Craig Newmark in San
Francisco zum Gespräch getroffen. Thomas
Thaler besuchte die "Wikimania" in
Frankfurt, das erste weltweite Treffen der
Wikpedianer. 400 Teilnehmer, aus insgesamt
52 Ländern, trafen sich für vier Tage, um
über die Zukunft des freien Online-

