Virtuelle Kommunikation ist nicht böse
E-Mails, SMS und Chat führen nach Erkenntnis des deutschen Sozialforschers Joachim Höflich nicht zu einer Entfremdung der Menschen. "Vielmehr bringen Medien Menschen enger zusammen, stellen Erreichbarkeiten her und knüpfen Bande enger", sagte der auf "interpersonale Kommunikation" spezialisierte Forscher. Er trat damit immer wieder geäußerten Befürchtungen entgegen, die neue Technik könne zu Sprachlosigkeit und sozialer Kälte führen.
Die Medien allein seien nicht in der Lage, die Gesellschaft zu verändern, aber sie reagierten sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, so die These des Wissenschaftlers. "Die Umstände, die dazu führen, dass Beziehungen heute nicht mehr so dauerhaft sind, sind sicher nicht von den Medien verursacht." Andererseits könnte die Unverbindlichkeit mit Hilfe von E-Mail und SMS auf die Spitze getrieben werden.
Die neuen Medien haben für Höflich zwei Seiten. "Neue Medien sind die geeignetsten Mittel, um zu lügen, zu betrügen und fremdzugehen", sagte der Forscher und zitierte den Schriftsteller Umberto Eco, der drei Nutzungsweisen des Mobiltelefons beschrieb: "für Leute, die es beruflich brauchen, für Menschen mit Handicaps und für Ehebrecher".
Handys als KontrollinstrumenteDie zweiten Seiten der SMS
Ob die ständige Erreichbarkeit durch die neuen Medien als Zwang oder Befreiung empfunden wird, hänge vor allem von den Beziehungen der Menschen ab. So empfänden beispielsweise frisch Verliebte eine SMS als Bestätigung. "Ist eine Beziehung in der Krise, wird dagegen jede SMS als Kontrolle aufgefasst."
Die Befürchtung, Medien könnten den persönlichen Kontakt beeinträchtigen, kann der Wissenschaftler nicht bestätigen. "Menschen finden sich immer noch am glückseligsten, wenn sie sich sehen." Den Beweis dafür liefere ihm nicht zuletzt das Handy. "Die meisten Kurznachrichten werden doch dazu verschickt, um sich zu verabreden."
