Die Informatisierung des Alltags
Computer werden nicht nur ständig kleiner, billiger und stärker, sie verstecken sich zunehmend in Alltagsgegenständen, verschmelzen mit ihnen, verschwinden auf den ersten Blick - doch tatsächlich können sie überall sein. "Pervasive Computing" lautet das Schlagwort: das Eindringen der Mikroelektronik in Alltagsgegenstände. Geht die Entwicklung so weiter, können die unterschiedlichen "smarten" Objekte drahtlos miteinander vernetzt werden und ohne Zutun des Benützers Daten austauschen.
Die Heizungsverschwörung ...
"Man könnte sich vorstellen, dass mein Schlüsselanhänger weiß, wo er ist und wenn er sich mit der Heizung verschwört. Dann könnte die Heizung, wenn ich weit weg bin, herunterfahren und wenn ich mich der Wohnung nähere, die Temperatur wieder hochschrauben. Schlüssel und Heizung könnten kooperieren und kommunizieren", schildert der Informatiker Friedemann Mattern von der ETH Zürich, wo er das Institut für "Pervasive Computing" mitgegründet hat.
... und die Koffer-Hemd-Allianz
Bereits Realität ist ein Koffer, der seinem Besitzer auch im verschlossenen Zustand online über Inhalt und Standort Auskunft gibt. Den smarten Koffer gibt es in Linz. Alois Ferscha ist Professor für Informatik und leitet das Institut für "Pervasive Computing" an der Universität Linz:
"Der Koffer hat eine Wahrnehmung von Dingen, die sich in ihm befinden. Er hat eine drahtlose Kommunikationsmöglichkeit und kann sein Wissen dem gesamten Internet bereitstellen. Er hat auch eine Positionssensorik, die ihm mitteilen kann, wo auf diesem Planeten er sich befindet. Alleine das Hineinlegen eines Hemdes in den Koffer bewirkt, dass auf dessen Webseite ein Eintrag entsteht, der das Hemd als im Koffer befindlich verzeichnet und umgekehrt auf der Website des Hemdes vermerkt, dass es sich im Koffer befindet."
Institut für Pervasive Computing an der ETH ZürichDie Aura im IKT-Zeitalter
Technik soll buchstäblich selbstredend sein. Dem User nicht zur Last fallen, ihm gar nicht auffallen. Charakteristisch für die angedachten Systeme des Pervasive Computing ist laut Informatiker Alois Ferscha, dass sie auf unterschiedliche Situationen reagieren können.
Uhrzeit, Ort, Temperatur, Helligkeit, Windstärke - welche Sensoren auch immer gewünscht und möglich sind, um dem smarten System eine Ahnung von seinem Umfeld zu geben. Ferscha spricht von der "digitalen Aura" der Dinge.
Smarte Terminplanung an der Litfasssäule
Ein Beispiel für die "digitale Aura" aus der Entwicklungsstube der Uni Linz: das smarte Plakat. Auf einem Plakat wird ein Vortrag über Quantencomputer angekündigt, Menschen gehen vorbei. Plakat wie Passanten haben eine digitale Aura.
Passen diese zusammen (weil sich eine Person z. B. für Physik interessiert und das auch als "digitale Aura" gespeichert hat und z. B. über Bluetooth einsehbar macht), dann kann der Termin des Vortrags automatisch, ohne Zutun und unbemerkt in den elektronischen Terminkalender von Mobiltelefon oder PDA eingetragen werden.
Alois Ferscha im Interview
"Wir haben Umgebungssensoren, die auf Bluetooth basieren, auf Erkennungssystemen und Identifikationssystemen wie RFID, auf Infrarot oder Ultraschall-Distanzmessung. Die technische Voraussetzung für die Präsenzerkennung von Menschen und Dingen ist gelöst. Dahinter steht die Software - das ist keine Tabelle mit Haarfarbe und Hobby, sondern es ist viel komplexer. Die digitale Aura hat keinen festen Datenbestand - die persönliche Aura ist Montag Früh am Linzer Bahnhof eine andere als Mittwoch Nachmittag im Hörsaal vor Studenten."
Und wo bleibt die Privatsphäre?
Marc Langheinrich widmet sich als Informatiker an der ETH Zürich dem Datenschutz und den gesellschaftlichen Folgen der immer smarteren und stärker vernetzten Umwelt. Persönliche und/ oder unbedeutende Details können theoretisch "unsterblich" sein, meinte Marc Langheinrich bei einer Konferenz in Zürich.
Daten könnten also für alle Eventualitäten in Evidenz gehalten werden. Ob es in der total informatisierten Welt noch Privatsphäre geben kann? Im Prinzip ja, meint Marc Langheinrich, wir müssen es nur wollen. Fragt sich bloß, wer und wie.
Sonntag 22.30 Uhr, im Ö1-Magazin "matrix"
Wenn Kaffeetasse und Koffer miteinander kommunizieren: Barbara
Daser berichtet über die Informatisierung des Alltags. Im zweiten
Beitrag geht es um das Handy als Orientierungshilfe. Eva Jankl
informiert über den Einsatz eines mobilen Systems zur Leitung,
Navigation und Informationsabfrage an Bahnhöfen.
"Matrix" zum Download für Ö1-Clubmitglieder
