14.08.2005

MATRIX FORUM

Die Informatisierung des Alltags

Computer werden nicht nur ständig kleiner, billiger und stärker, sie verstecken sich zunehmend in Alltagsgegenständen, verschmelzen mit ihnen, verschwinden auf den ersten Blick - doch tatsächlich können sie überall sein. "Pervasive Computing" lautet das Schlagwort: das Eindringen der Mikroelektronik in Alltagsgegenstände. Geht die Entwicklung so weiter, können die unterschiedlichen "smarten" Objekte drahtlos miteinander vernetzt werden und ohne Zutun des Benützers Daten austauschen.

Die Heizungsverschwörung ...

"Man könnte sich vorstellen, dass mein Schlüsselanhänger weiß, wo er ist und wenn er sich mit der Heizung verschwört. Dann könnte die Heizung, wenn ich weit weg bin, herunterfahren und wenn ich mich der Wohnung nähere, die Temperatur wieder hochschrauben. Schlüssel und Heizung könnten kooperieren und kommunizieren", schildert der Informatiker Friedemann Mattern von der ETH Zürich, wo er das Institut für "Pervasive Computing" mitgegründet hat.

... und die Koffer-Hemd-Allianz

Bereits Realität ist ein Koffer, der seinem Besitzer auch im verschlossenen Zustand online über Inhalt und Standort Auskunft gibt. Den smarten Koffer gibt es in Linz. Alois Ferscha ist Professor für Informatik und leitet das Institut für "Pervasive Computing" an der Universität Linz:

Die Aura im IKT-Zeitalter

Technik soll buchstäblich selbstredend sein. Dem User nicht zur Last fallen, ihm gar nicht auffallen. Charakteristisch für die angedachten Systeme des Pervasive Computing ist laut Informatiker Alois Ferscha, dass sie auf unterschiedliche Situationen reagieren können.

Uhrzeit, Ort, Temperatur, Helligkeit, Windstärke - welche Sensoren auch immer gewünscht und möglich sind, um dem smarten System eine Ahnung von seinem Umfeld zu geben. Ferscha spricht von der "digitalen Aura" der Dinge.

Smarte Terminplanung an der Litfasssäule

Ein Beispiel für die "digitale Aura" aus der Entwicklungsstube der Uni Linz: das smarte Plakat. Auf einem Plakat wird ein Vortrag über Quantencomputer angekündigt, Menschen gehen vorbei. Plakat wie Passanten haben eine digitale Aura.

Passen diese zusammen (weil sich eine Person z. B. für Physik interessiert und das auch als "digitale Aura" gespeichert hat und z. B. über Bluetooth einsehbar macht), dann kann der Termin des Vortrags automatisch, ohne Zutun und unbemerkt in den elektronischen Terminkalender von Mobiltelefon oder PDA eingetragen werden.

Alois Ferscha im Interview

"Wir haben Umgebungssensoren, die auf Bluetooth basieren, auf Erkennungssystemen und Identifikationssystemen wie RFID, auf Infrarot oder Ultraschall-Distanzmessung. Die technische Voraussetzung für die Präsenzerkennung von Menschen und Dingen ist gelöst. Dahinter steht die Software - das ist keine Tabelle mit Haarfarbe und Hobby, sondern es ist viel komplexer. Die digitale Aura hat keinen festen Datenbestand - die persönliche Aura ist Montag Früh am Linzer Bahnhof eine andere als Mittwoch Nachmittag im Hörsaal vor Studenten."

Und wo bleibt die Privatsphäre?

Marc Langheinrich widmet sich als Informatiker an der ETH Zürich dem Datenschutz und den gesellschaftlichen Folgen der immer smarteren und stärker vernetzten Umwelt. Persönliche und/ oder unbedeutende Details können theoretisch "unsterblich" sein, meinte Marc Langheinrich bei einer Konferenz in Zürich.

Daten könnten also für alle Eventualitäten in Evidenz gehalten werden. Ob es in der total informatisierten Welt noch Privatsphäre geben kann? Im Prinzip ja, meint Marc Langheinrich, wir müssen es nur wollen. Fragt sich bloß, wer und wie.