Korrektes Fuchteln mit dem iPhone
Mit Microsofts Surface, Apples iPhone und anderen Geräten mit gestischer Eingabe erlebt das Computer-Aerobic auch abseits von Spielereien mit der Wii-Konsole seine große Renaissance. Nicht auszudenken, wenn sich der Körpereinsatz bei der Bedienung von Websites tatsächlich durchsetzen würde.
"Information at your fingertip" … Wer war das doch gleich? Der kann mit Microsoft nichts mehr zu tun haben, denn dort hat spätestens seit dem 17. April die ganz große Geste Einzug gehalten.
Surface steht seitdem in ausgewählten AT&T-Geschäften. Jetzt fuchteln wehrlose Kunden auf einem Bildschirm herum, wenn sie früher bei solchen Gelegenheiten nur fragend mit den Schultern gezuckt haben.
Aber wer war das noch, der mit den Fingerspitzen und der Information? Der war es auch nicht. Obwohl die Brille schon eher passen würde. Das war irgendein Ehemaliger, der sich jetzt mit dem da sehr gut versteht. Und der verkauft ja jetzt auch Telefone bei AT&T, die durch mehr als einen Finger in weniger als drei Minuten verschmiert sind. Ach, ich komme jetzt nicht drauf. Hilfe, Polizei!
Gesten sind bei Computer-Interfaces seit Surface und iPhone nicht mehr wegzudenken. Ich weiß auch gar nicht, wer so etwas wegdenken könnte. Die sicher auch nicht. Aber das würden wir auch gar nicht zulassen. Wahrscheinlich, weil wir es einfach alle satthaben, unsere Computer mit einem unnütz herunterbaumelnden schlaffen linken [oder rechten] Arm zu bedienen.
Das war nicht immer so. 1893 brauchte es noch den ganzen beschnurrbarteten Kerl, um den Vorläufer des Laptops mit allen zehn Fingern zu bedienen. Das ist zwar heute noch so, es sei denn, man nutzt so etwas. Aber einhändig bedeutet hier nicht einfach. Denn wie leicht wird aus "Pizza einkaufen" ein lockeres "Pittsfreikauka" als Textnachricht. Und das kann beim besten Willen nicht mehr als Web-2.0-Produkt durchgehen. Die Zeiten sind einfach vorbei.
Wir stellen uns eher vor, wie fuchtelnde Männer mit Pizzateig-geformten Körpern vor dieser Website stehen und den Besuch einer Stadt ins Internet verlagern. Nun kann eine gestenreiche Bedienung des Computers den Spaziergang ersetzen. Es werden Gesten vorkommen wie "Warum lädt das Ding so langsam?" und "Nein, ich wollte den Döner-Laden gar nicht von innen sehen". Vielleicht geht das Konzept schon in die richtige Richtung. Bei dieser Website hingegen reicht eine einfache Geste. Der Schlag mit der flachen Hand gegen die Stirn. Dann schließt sie hoffentlich von selbst und sehr diskret ihre missgebildete Oberfläche.
Und wo bleibt der Suchgigant bei all dem? Wird es jetzt bald Applikationen auf Googles Infrastruktur geben, die bei einem am iPhone erhobenen "Finger die eingeblendeten AdWords verschämt ausblenden? Oder wird man mit der neuen Version 4.3 von Google Earth nur ein müdes Wischen des Handrückens brauchen, und die live eingeblendete Olympiafackel bläst es irgendwo zwischen Pakistan und dem Neusiedler See aus? Nein, so weit ist Google noch nicht. Die sind derzeit mit Geldzählen beschäftigt und winken ab.
Um noch von zwei anderen Langweilern zu sprechen: Vielleicht können einander Barack Obama und Hillary Clinton ja per gestenreiches Interface fernmündlich würgen. Das würde den doch etwas öden Vorwahlen wieder ein wenig Schwung geben. Bis dahin sinkt das Interesse so wie bei einer Rede zur Zukunft des Computers von diesem Kerl, dessen Name mir nicht mehr einfallen will. Der hatte etwas mit Schreibtischen und Computern zu tun. Oder mit Geld. Aber ich komme einfach nicht drauf. Es ist zum Nerdig-Werden.
(Harald Taglinger)
