"Als das Internet vom Himmel fiel"
Um 1993 begann das World Wide Web allmählich populär zu werden. Was vorher dem gemeinen Volk von der Post verboten und Wissenschaftlern vorbehalten war, wurde in den 1990er Jahren plötzlich zur Bürgerpflicht erklärt, meint der österreichische Schriftsteller und Langzeitmitglied des Chaos Computer Clubs, Peter Glaser.
Die Masse hat das World Wide Web gefunden. Man geht ins Netz. Aber muss die Masse deswegen kritisch sein, wie kürzlich der Slogan der Berliner Blogger-Konferenz re:publica lautete? Peter Glaser sagt ja. Es sei gar nicht anders möglich. Das Web sei schließlich ein Medium, für das man aktiv werden müsse.
Im Gegensatz zu einem klassischen Massenmedium wie dem Fernsehen, dem immer unterstellt wurde, dass es passiv und unpolitisch mache, ist das Netz etwas, das vom ersten Augenblick an mit der Tastatur erkundet, beschrieben, erforscht und beklickt werden will.
"Man muss sich das vorstellen: 1993 ist das Internet vom Himmel gefallen."
Ein Klick zum Weltwissen
Aber was nutzt es, wenn die meisten nur noch schreiben wollen? Das Netz ist textlastig, immer noch, meint Peter Glaser. Dazu trugen u. a. auch Weblogs und Wikis bei.
Diese Formen der Textproduktion traten vor rund acht Jahren an, um nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben der Netzbewohner zu fördern. Dafür braucht man keine spitzen Klammern mehr und kein "a href".
Ein historischer Blick von matrix auf Weblogs und Wikis, gesendet September 2000.
Das Mitmachnetz war damit nicht nur noch der Open-Source- und freien Software-Szene vorbehalten, sondern wurde für all jene geöffnet, die sich weder um das Schmieden des Werkzeugs kümmern noch auf das Shoppen reduzieren lassen wollten. Denn das Netz der 1990er Jahre, so Peter Glaser, präsentierte sich damals der Masse gern als die längste Shoppingmeile der Welt.
Missverständnisse
Genausowenig wie das "Elektronengehirn" der 1950er Jahre etwas mit einem menschlichen Gehirn zu tun gehabt hat kann man im heutigen technischen Diskurs das Wort "sozial" mit "Gemeinwohl" gleichsetzen. Im Grunde genommen, so Peter Glaser, seien die "Sozialen Netzwerke" nur eine Neuauflage der geschlossenen proprietären Systeme aus der Frühzeit des Webs.
Audio Peter Glaser
Daten-Konquistadoren
Auch eine Kneipe sei kein Ort der Wohlfahrt, fügt Peter Glaser gerechtigkeitshalber hinzu. Auch dort könne man sich nicht hineinsetzen, ohne etwas zu konsumieren. Das größte Problem hat die Masse mit dem Bezahlsystem.
Geld, selbst eine virtuelle Währung, wurde im Netz nie akzeptiert. Kapital wird vielmehr mit Hilfe von Daten und Werbung angehäuft. Aber vor allem die Ware Daten verpulvern die meisten bereits am Eingang.
Das erinnere ihn an die besten Zeiten der Konquistadoren, meint Glaser, an jene Zeit der frühen Kolonialisierung, als manchen Eingeborenen der Wert von Gold unbekannt war und es sich im Tausch mit Glasperlen abnehmen ließen. Schon eine kurze Anfrage bei einem Adressenhändler könne einem Klarheit darüber verschaffen, wie wertvoll persönliche Daten heute eigentlich sind.
Audio Peter Glaser
Unverstandenes Web 2.0
Web 2.0, so der Erfinder des Begriffs Tim O'Reilly, bedeutet primär, Daten zu sammeln und auszuwerten. Wer das nicht verstanden habe, der solle den Begriff gar nicht erst verwenden.
Will man Web 2.0 als Konzept etwas positives abgewinnen, dann vielleicht das, dass es heute kaum ein soziales Netzwerk mehr wagt, keine Programmierschnittstelle nach außen anzubieten, damit sich andere Anwendungen andocken können, und das Imperium wächst.
Wenn auch zum Teil mit sonderbaren Auswirkungen, wie die Facebook-Gemeinde vor kurzem berichtete: Dort erfuhren "Freunde", was auf den Einkaufszetteln ihrer Kontakte stand.
Netiquette ade
Das Projekt "Beacon" wurde damit wieder auf Eis gelegt. Aber die digitale Bevölkerung erhielt damit schon einen kleinen Vorgeschmack über die nächste Entwicklungsstufe im Web.
Vorbei die Zeiten als Weblog-Einträge mit den Worten begannen: "Ich möchte so gerne Teil einer Jugendbewegung sein." Die Erinnerungen an die Netiquette, der Benimmbibel aus früheren Tagen, verblassen.
Sie wurde durch die AGBs ersetzt. Nur die Tradition der Frequently Asked Questions wird auch heute noch gepflegt.
Das ausführliche Interview mit Peter Glaser können Sie heute Abend auf oe1, matrix hören, ebenso wie einen Beitrag über demokratische Partizipationsmöglichkeiten im Web, nach Art der re:publica08, Berlin.
(matrix | Mariann Unterluggauer)
