Print kämpft gegen Online
Die Geschichte des Online-Journalismus begann im Jahr 1993, als die amerikanische Wochenzeitschrift "Time" den Inhalt ihrer aktuellen Ausgaben auf AOL zugänglich machte. Im Jahr darauf folgte der Launch einer eigenen Website - Time.com.
Die Site machte damals großen Eindruck, auch auf drei im Textarchiv der Tageszeitung "Der Standard" arbeitende Redakteure. Eine davon war Gerlinde Hinterleitner, heute Chefredakteurin von derStandard.at. Sie erinnert sich:
"Wir haben uns Anfang 1995 10.000 Schilling vom damaligen Verlagsleiter der Zeitung geholt und diese 10.000 Schilling haben wir direkt einem HTML-Programmierer gegeben - ich glaube, das war einer von zwei HMTL-Programmierern, die's damals in Wien gegeben hat. Der Programmierer war erst Mitte Jänner aus Amerika zurückgekommen und am 2. Februar 1995 sind wir schon online gegangen. So quasi in 14 Tagen haben wir das damals auf die Beine gestellt."
"Der Standard" unternahm seine ersten Gehversuche im Internet zu einem, auch international gesehen, sehr frühen Zeitpunkt. Zum Vergleich: Salon.com wurde von ehemaligen Redakteuren der Tageszeitung "San Francisco Examiner" erst im Herbst 1995 gegründet. Und die New York Times ging gar erst im Jänner 1996 online.
Zehn Jahre "Online-Standard"Posting-Pioniere
Eines der Erfolgsgeheimnisse des "Online-Standard" ist seine überaus aktive Community. Seit April 1999 ist es den Usern möglich, alle auf der Site veröffentlichten Artikel auch zu kommentieren. Gerlinde Hinterleitner dazu:
"Wir waren die Ersten, die das Posten direkt unter dem Artikel ermöglicht haben. Damals war's üblich, dass man ein Forum einrichtet und die Redaktion stellt eine Frage und dann postet man halt dazu. Unsere Idee war, dass die User selber entscheiden sollen, wo sie diskutieren wollen und wo nicht."
AI-Forenautomat filtert die Postings
Zunächst war es auf derStandard.at möglich, völlig ungehindert
und ungefiltert zu posten. Schon nach kurzer Zeit ging man
allerdings dazu über, die Postings zuerst zu lesen, ehe sie
freigeschalten wurden. Da das bei mehreren tausend Postings am Tag
zu zeitaufwendig war, hat der "Online-Standard" in Zusammenarbeit
mit dem Österreichischen Forschungsinstitut für Artificial
Intelligence [OFAI] Ende letzten Jahres einen "Forenautomaten"
programmieren lassen, der mit Wortanalysen und statistischen
Modellen die hereinkommenden Postings analysiert und unbedenkliche
Postings automatisch freischaltet.
Im Wunderland der Foren
Österreichisches Forschungsinstitut für Artificial Intelligence [OFAI]Leser schreiben für Leser
Die Community bzw. der aktive Leser spielt auch auf der Website der Tageszeitung "Rheinische Post" in Düsseldorf eine ganz zentrale Rolle. Der User hat dort nämlich die Möglichkeit, selbst Artikel, Texte und Photos hochzuladen.
Alle 14 Tage wird ein "Best of" der online veröffentlichten Beiträge gedruckt und der Printausgabe der "Rheinischen Post" beigelegt.
"Consumer-Generated Media"
"Opinio" heißt diese gedruckte Beilage, die seit Februar diesen
Jahres jeweils in einer Auflage von knapp 340.000 Exemplaren
erscheint. Das Konzept hinter "Opinio": Es werden zwei
publizistische Megatrends miteinander verbunden - das
Blogging-Phänomen und "Consumer-Generated Media", sprich: die aktive
Teilnahme der vormals passiven Leser, Hörer und Seher an der
Gestaltung der Medien.
OpinioInteraktion und Crossmedialität
Wenn immer mehr Zeitungen mit neuen Formen von Interaktion und "Crossmedialität" experimentieren, dann ist das allerdings kein Selbstzweck, sondern Ausdruck einer tiefen Krise der klassischen Zeitungen. Diese sehen sich nämlich mit dramatisch sinkenden Auflagenzahlen, vor allem unter jüngeren Leserschichten, konfrontiert.
Daher wird versucht, gerade diese jüngeren Leserschichten auf dem Weg über das Internet wieder stärker an die gedruckte Zeitung heranzuführen und zu binden.
Eine völlig neuartige Form der Interaktion mit ihren Lesern versucht seit dieser Woche die "Los Angeles Times": In eigens eingerichteten "Wikitorials" können die Leser ausgewählte Kommentare der Printzeitung online umschreiben.
Los Angeles Times Wikitorial"Matrix" heute um 22:30 Uhr auf Ö1
Mehr zum Thema "Zeitungen und Internet" hören Sie heute Abend in
der Sendung "Matrix", für die Richard Brem einen ausgedehnten
Spaziergang durch den virtuellen Blätterwald unternommen und
unterwegs mit Zeitungsmachern über die Herausforderungen und Chancen
einer Branche im Umbruch gesprochen hat.
Matrix"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder
Ab Sonntag, 22:30 Uhr, steht "Matrix - Computer & Neue Medien"
für Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit!
"Matrix" zum Download
