Im weißen Raum

existenz
19.03.2008

Zum Tod von Arthur C. Clarke

Am Mittwoch ist Arthur C. Clarke im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Sri Lanka gestorben. 1945 schrieb der am 16. Dezember 1917 als Sohn eines Bauern im englischen Minehead geborene Physiker, Mathematiker und Schriftsteller für die Royal Air Force einen Text über die Zukunft der Kommunikation, in dem er den Einsatz von Satelliten für die Nachrichtenübertragung vorhersah.

Die Zeitschrift "Wireless World" lehnte es ab, den Text zu drucken, weil er zu weit hergeholt sei. Zu diesem Zeitpunkt war Clarke schon von der Lust auf Zukunft kontaminiert. Von klein auf hatte er alles an Science-Fiction gelesen, was ihm unter die Finger gekommen war, von den "Amazing Stories"-Heften bis hin zu H. G. Wells.

Über hundert Bücher soll Clarke geschrieben haben, informieren uns die Archive. Seine einflussreichste Hinterlassenschaft dürfte allerdings der Film "2001 - Odyssee im Weltraum" [1968] sein, den er mit seinem Landsmann Stanley Kubrick realisiert hat.

Heywood R. Floyd

Die Bilder und Ideen von "2001" waren und sind so mächtig, dass sie aus ihrer starken inneren Logik heraus bis heute unsere Lebenswelt beeinflussen.

Der Teil des Films, in dem Dr. Heywood R. Floyd von der Erde zur Raumstation und von der Raumstation zum Mond fliegt, entwickelt aufgrund seines Detailreichtums der Ausstattung bis heute eine ganz eigene Anziehungskraft. Er erzählt eine Welt, die gleichzeitig ist und hätte werden können. Wenn wir von biometrischen Kontrollsystemen lesen, denken wir an die Stimmidentifikation, die Floyd auf der Raumstation durchmachen muss, auch wenn ihn dort alle persönlich kennen.

Und wenn wir ein Webcam-Telefonat starten, sehen wir Floyd vor uns, wie er in der Telefonzelle der Raumstation kauert und seine Tochter nur als verschwommenes Bild wahrnimmt. Heute, da jeder ein Geschäftsreisender in eigener Sache ist, beschreibt diese Szene unseren Alltag in derart vielen Facetten, dass sich allein für ihre Betrachtung ein eigener Essay lohnte.

Frauen sind in dieser Welt Stewardessen, Männer Wissenschaftler und Astronauten - pikanterweise abgesehen von der Wissenschaftlerin der sowjetischen Delegation. Die Atmosphäre von "2001" ist die eines Kalten Krieges gegen uns selbst.

HAL

Akteur in diesem Krieg ist auch HAL, der intelligente Bordcomputer des Raumschiffs "Discovery One". Mit HAL erledigen Clarke und Kubrick das Leib-Seele-Problem, um es durch eine Dichotomie aus intelligentem Bewusstsein einerseits und bloßer Existenz andererseits zu ersetzen.

Der schwerelos träge Moment, in dem Astronaut Dave Bowman HALs Systeme Modul für Modul abschaltet, ist die eindrucksvollste und beängstigendste Todesszene der Filmgeschichte.

Der Tod

Die letzten Sequenzen des Films muten nach dieser Demonstration materialistischer Endgültigkeit an wie ein Moment strategischer Verwirrung. Gibt es nun doch ein Jenseits?

Der weiße Raum, in dem Bowman sein Altern und seinen Tod erlebt, liest sich wie eine Karikatur auf die Abschaltung HALs. Nach der Maschine stirbt auch der Mensch. Im weißen Raum ist er allein mit sich.

Das Meer

Clarke war ein Mann des Weltraums, dessen Schwerelosigkeit er unter Wasser suchte. 1959, drei Jahre nachdem er nach Sri Lanka gezogen war, um dem Tauchsport besser nachgehen zu können, infizierte er sich mit dem Polio-Virus, der ihn für zwei Monate lähmte und von da an behindern sollte.

Bis zu seinem Tod blieb Arthur C. Clarke, der alle wichtigen Preise für Science-Fiction und von Queen Elizabeth den Rang eines Commander of the Order of the British Empire verliehen bekommen hatte, mit seinen Freunden und Fans über das Internet in Kontakt. Er hinterlässt keine Kinder, seine Ideen leben in der 1983 gegründeten Arthur C. Clarke Foundation weiter.

(futurezone | Günter Hack)