Straßen und Häuser als "Datenträger"
Es ist eine Zukunftsvision, die schon bald Wirklichkeit werden wird: Man geht durch die Stadt und bewegt sich zugleich durch einen Informationsraum, in dem jede Straße, jedes Haus, jedes Geschäft, jede Parkbank, jeder Baum einen virtuellen Informationsschatten wirft.
Jedes physische Objekt soll dabei von Texten, Bildern oder Tönen umgeben sein, die sich mit dem Handy oder Handheld einfach abrufen lassen.
Das technische Prinzip dahinter ist einfach: Mittels GPS oder automatisch erfolgender Positionsbestimmung durch die Peilsender der Mobilfunkbetreiber wird der genaue Standort eines Nutzers auf den Meter genau ermittelt und ihm in der Folge Information zu seinem aktuellen Standort zugeschickt.
Ein ganzer Industriezweig scharrt schon für diese "Location Based Services" [LBS] oder "standortbezogene Dienste" in den Startlöchern, um einschlägige Dienste für die neuen virtuelle Räume zu entwickeln und anzubieten.
Standortbezogene Dienste [Wikipedia]Pilotprojekt in London
Der Londoner Stadtteil Bloomsbury ist Ausgangs- und Mittelpunkt für ein LBS-Projekt, bei dem nach Anwendungsmöglichkeiten abseits von Kommerz und Entertainment gesucht wird.
"Urban Tapestries" heißt es und es setzt ganz auf das Konzept des "Public Authoring": Dabei sind es die Anwohner und Passanten, die die neuen virtuellen Informationsräume gestalten und dort ihre Anmerkungen, Notizen, Hinweise in multimedialer Form hinterlassen.
Die Macher von "Urban Tapestries" verstehen ihr Projekt weniger als "Location Based"-Technologie und mehr als "Relationship"-Technologie: Es geht um die soziale Anwendung der Technologie. Im Mittelpunkt stehen das Wissen der Menschen und wie sie dieses kommunizieren und mit anderen teilen wollen.
Zwei große Feldversuche mit WLAN und GPRS
In zwei großangelegten Feldversuchen wurde das Projekt "Urban
Tapestries" bis dato auf seine Praxistauglichkeit hin überprüft. Der
erste fand im Dezember 2003 statt. 100 Testpersonen aus der Umgebung
bekamen dabei jeweils für ein paar Stunden IPAQs geliehen und
konnten per Wireless LAN ihre virtuellen Markierungen hinterlassen.
Beim zweiten Testlauf wurde die Zahl der Teilnehmer verkleinert und
dafür die Dauer des Versuchs auf einen Monat verlängert. Anders als
beim ersten Mal kamen dabei Smartphones mit dem Betriebssystem
Symbian zum Einsatz und statt Wireless LAN die
Übertragungstechnologie GPRS.
Urban TapestriesUser sorgen für die Inhalte
"Urban Tapestries" stellt dabei nur die technische Infrastruktur zur Verfügung und erzeugt selbst keinen Content. Für die Inhalte sorgen ausschließlich die User selbst.
"Der Hauptunterschied zwischen uns und den meisten anderen 'Location Based Services' ist, dass der Inhalt für gewöhnlich von einem Medienunternehmen erzeugt und dann an die Leute geliefert wird. Nach diesem traditionellen Modell funktionieren auch Zeitungen und Fernsehen: In der Mitte sitzt ein Content-Erzeuger, der ringsum alle mit Inhalten beliefert.
Das ist okay, wenn es um Technologien des 20. oder 19. Jahrhunderts geht. Mobiltelefone sind aber eine Netzwerktechnologie des 21. Jahrhunderts. Wir haben deshalb unser System so konstruiert, dass der Content von den Usern selbst erzeugt und weiterverbreitet wird", so "Urban Tapestries"-Initiator Giles Lane.
Allerdings möchte "Urban Tapestries" neue Standards im Bereich "Location Based Services" setzen und kommerziellen LBS-Entwicklern ein Vorbild sein - damit sie künftig Anwendungen entwickeln, die mehr auf die wirklichen Bedürfnisse der Menschen eingehen.
Beispiel für eine soziale Anwendung von LBSSoziale Standards setzen
Nach den zwei großen Feldversuchen soll "Urban Tapestries" nun in einer Reihe von kleineren Projekte getestet und weiterentwickelt werden. Vor kurzem wurde in Zusammenarbeit mit einer Schule das erste dieser Projekte gestartet.
Dabei sollen Schüler im Alter von elf und zwölf Jahren mit Hilfe der "Location Based"-Technologie ihre unmittelbare Umgebung erforschen und so die Kunst des assoziativen Lernen lernen.
Am Ende dieser kleineren Projekte soll allerdings kein Produkt herauskommen, betont Giles Lane. "Urban Tapestries" ist als Versuchsplattform konzipiert und soll auch in Zukunft eine bleiben.
Und noch ein Beispiel"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder
Ab Sonntag 22:30 Uhr steht "Matrix - Computer & Neue Medien" für
Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit
"Matrix" zum Download
