Ökonomie für Wasserbüffel
33 Prozent aller Blogs sind Spam? Toll!
Es gibt Schlagzeilen, die sorgen bei mir für einen Tsunami im Morgenkaffee. "SIND 33 % ALLER BLOGS WIRKLICH SPAMBLOGS?", quietscht da eines dieser kalifornischen Blog-Netzwerkdinger, die nicht mehr private Weblogs und noch nicht Old-School-Nachrichtenkanäle sind.
Schnell maust sich der Redakteur von Quelle zu Quelle und landet dann schließlich wieder in einem Blog irgendwo im Nachrichtenkanal Cnet, wo eine Kollegin am Freitag über eine Web-Anwendungskonferenz in Miami berichtete. Auf dieser soll WordPress-Gründer Matt Mullenweg gesagt haben, dass sein Team im Lauf eines nicht angegebenen Zeitabschnitts 800.000 Spamblogs ["Splogs"] gelöscht habe.
Da Mullenweg die Anzahl der Blogs auf WordPress mit zirka 2,5 Millionen angegeben hat - ob diese aktiv sind oder nicht, sei dahingestellt -, liegt der neuronale Kurzschluss nahe, dass gut ein Drittel aller Blogs von Backlink-Spammern betrieben wird oder dem Manta-Fahrer-Äquivalent des zeitgenössischen Internet-Bastlers dazu dient, nutzlose Websites mühsam den Google-Index hochzuboxen, bis ein Praktikant in Mountain View einmal am Algorithmus dreht und die ganze Plackerei zunichte macht.
Tuvalu-Bots für Onkel Luhmann
Immer noch verführerisch scheint allerdings für Medienmanager die Vorstellung zu sein, dass, so berichtet Cnet begeistert, WordPress auf seinen Sites mit gerade einmal 19 Vollzeitangestellten 135 Millionen Unique Visitors zu generieren vermag, wenngleich Mullenweg betonte, dass die meisten Nutzer auf WordPress.com noch nie eine Anzeige hätten sehen müssen. Spammer dagegen seien "die Terroristen des Web 2.0", weil sie sofort jede offene Anwendung für ihre Zwecke missbrauchten.
Das muss doch keineswegs so bleiben, denn das Zusammenspiel aus automatisch generierten Spamblogs, ebenfalls automatisch zugeschalteten Anzeigen und automatisierten Klickbots, die sich als "Unique Visitors" ausgeben, eröffnet eine Perspektive darauf, wie der kommerzielle Medienkonzern der Zukunft aussehen wird.
Unternehmer-Bots gründen Briefkastenfirmen auf untergegangenen Südseeatollen, die sich nur noch durch die Einnahmen aus der Domainvergabe finanzieren. Dann gründen Verleger-Bots Tausende von Weblogs, die sie mit Blindtexten befüllen und umgehend bei verschiedenen Werbeprogrammen anmelden. Klickbot-Fakes oder Menschen, die noch billiger sind als Klickbot-Fakes, simulieren den notwendigen Traffic. Der Kreis ist geschlossen, zumal die Werbung ihrerseits nur von anderen Briefkastenfirmen kommt. Onkel Luhmann nannte so etwas "operationale Schließung", glaube ich.
Der Terror der Perfektion
Spammer und Suchmaschinentieferleger sind also keineswegs die "Terroristen des Web 2.0", sondern vielmehr dessen höchste Erfüllung. Denn welcher Ökonom wünscht sich nicht einen perfekten Markt? Ebendiesen kann es nur geben, wenn der Störfaktor Mensch endgültig ausgeschlossen ist. Das beste Soziale Netzwerk ist nun mal eines ohne Menschen: E-Commerce in Perfektion. Dumm nur, dass die Unternehmer-Bots in bester calvinistischer Tradition ihr ganzes Geld gleich wieder in ihren ureigenen Wirtschaftskreislauf investieren.
Und weil der so gut funktioniert, muss am Ende die ganze ächzende Dienstleistungsgesellschaft vom schwerelosen Bot-Business abgelöst und in die Ecke gedrängt werden, bis die Automatik den allergrößten Teil des Weltvermögens absorbiert hat.
Da kann nur noch die Hoffnung bleiben, dass einer der letzten menschlichen Subsistenzfarmer mit seiner wasserbüffelgezogenen Pflugschar zufällig das Backbone durchtrennt und alle wieder von vorn anfangen dürfen. Bis wieder der nächste Bot mit seinem unfehlbaren Crowdsourcing-Marketingkonzept für wasserbüffelgedüngten Bioreis daherkommt. Korrekt serviert ohne Reis, natürlich.
(futurezone | Günter Hack)
