Teleliebe mit Luftballons

01.03.2008

Netzteile, Woche 9: Harald Taglinger turtelt mit dem Luftballon von Hillary Clinton und verhindert durch schlichtes Weiterschlafen, dass ihm ein Internet-Wecker den Hamburger-Verzehr ausredet.

Der Vorwahlkampf in den USA will einfach kein Ende finden. Man will sich gar nicht vorstellen, wie dann der wirkliche Wahlkampf wird. Vermutlich noch viel lustiger, wenn auch ohne Ex-Kokser und Texaner. Aber auf die kreativen Auswüchse freuen wir uns jetzt schon. Denn die bisherigen Websites können sich sehen lassen.

Fans oder Feinde?

Zum Beispiel die mit dem demokratischen Bewerber Barack Obama, der ein neues Fahrrad hat. Fasziniert klickt sich der User durch die Heilsversprechungen. Was dieser Obama alles können soll … Superman sitzt mit am Esstisch und lächelt dich an. Weil er das Salz will. Die Reaktion seiner Rivalin Hillary Clinton und ihrer Fans ließ aber nicht lange auf sich warten. Oder sind das gar keine Fans, die da für Clinton werben? Ihre Website bietet den Nutzern immerhin mehr Möglichkeiten zur Interaktion.

Aber das ist ja auch das Problem. Da kann durchaus einmal "Closed for renovation" stehen - weil genau das jemand über Clinton denkt.

Auch kein Kompliment ist das Video für [oder gegen] den Republikaner John McCain. Sein Spruch über 100 Jahre amerikanische Truppen im Irak löst bei den Sängern leichte Irritation aus. Viel mehr als das und ein paar anzügliche Fotos von Lobbyistinnen gibt es über ihn allerdings nicht im Web. Kein gutes Zeichen. Da sollte er was machen.

Einsam als Luftballon

Kein Kompliment ist es ebenfalls, wenn man als Luftballon auf der neuesten Aktionswebsite des New Yorker Museum of Modern Art [MoMA] zu sehen ist. Denn das bedeutet, dass man ein Profil auf einer Partnerbörse hinterlegt hat und ganz schrecklich einsam ist und vollkommen zwecklos im siebenten Himmel der Liebe herumfliegt. Bis einem die Luft ausgeht.

Die viel zu vielen Luftballons mögen einander vielleicht wegen der ähnlichen Profile der Partnerbörsennutzer nahe kommen, aber alle bleiben letztlich allein. Vielleicht lernt man auf diese Art und Weise einen durchfliegenden Präsidentschaftskandidaten kennen. Die sollen ja laut "New York Times" ab und zu für eine Affäre zu haben sein.

Vermutlich haben die Online-Singles einfach nicht genügend Checklisten für richtiges Dating inhaliert. Dabei gibt diese Listen doch kostenlos auf einem entsprechenden Server zum freien Abruf. Da bleiben keine Fragen offen, auch nicht bei der Vorbereitung aufs Rendezvous: "Hosenschlitz zu, rote Rosen kaufen, nicht aus dem Mund riechen, zuhören, etwas über die Augen sagen, nicht über Obama oder Clinton schimpfen. Dann klappt es auch mit dem Nachbarn."

Männer ohne Frauen, mit Tisch

Männern ohne Frauen bleibt ja meistens die Musik. Früher musste man dazu mühevoll eine Gitarre stimmen und verträumt am rauchigen Lagerfeuer "Dust in the wind" grölen. Heute reicht es, eine Maschine anzuwerfen. Schon kommt Musik aus dem Lautsprecher, und die Frauenherzen bumpern im Takt mit.

Das jedoch muss nicht immer ein Kompliment sein. Herzrasen kann an heutigen Lagerfeuern nämlich auch von Drum 'n' Bass verursacht werden. Fest steht jedoch, dass der Laptop als Musikinstrument aus der Mode gekommen ist. Simple virtuelle Kugeln reichen für erfolgreiches rhythmisches Geklopfe.

Der visionäre Profi lässt das Kinderspielzeug aber sein und erklärt ganz einfach einen beliebigen Tisch zum Instrument.

Sesamweckerl, öffne dich

Nicht jeder lässt sich mit Musik über fehlende Partnerschaft hinwegtrösten. Dann bleibt immer noch das gute alte Essen. Mit dem Foodplanner kann man dabei systematisch vorgehen. Schließlich will man nicht ständig im Vorbeifahren flachgepresstes Rindfleisch zwischen zwei Sesamweckerlhälften verdrücken.

Man weiß ja, was da alles drinnen ist. Und wer es nicht weiß, der kann sich bei Foodsel eines Besseren belehren lassen. Was dabei herauskommt, ist allerdings kein Kompliment für Fast-Food-Ketten. Wenn das Obama wüsste. Vermutlich weiß er es. Sonst wäre er nicht so schlank.

Umdrehen und weiterschlafen

Schließen wir ab mit Auswüchsen. Damit ist nicht Fettleibigkeit gemeint, sondern mehr das Wuchern von Ablegern des Internets in bestimmte Geräte hinein.

Chumby ist ein Wecker mit Internet-Anschluss. Schon nach dem ersten Tuten und noch vor dem Augenaufschlag könnte man – vorausgesetzt, das ginge technisch – viel Medienkrempel aus dem Internet auf die Netzhaut geliefert bekommen. Die neuesten Flickr-Bilder, Angebote von eBay, News, was weiß ich noch alles. Die Frage ist nur: Will man Internet oder sich lieber doch umdrehen und weiterschlafen?

Was man als iPhone-Besitzer vielleicht auch nicht sehen will: Dass im Raum noch 34 andere iPhone-Besitzer sehr individuell sind, weil sie ein anderes Hintergrundbild haben als bei Auslieferung. Das darf bei der Kundschaft von Steve Jobs nicht vorkommen. Deshalb wird die Community Fon11 nur für iPhone-Besitzer vermutlich nicht so ein Riesenerfolg. Es sei denn, Obama hat ein iPhone. Hat er sicher. Alle Lichtgestalten haben ein iPhone. Nur Clinton lässt ihre Assistenten telefonieren.

(Harald Taglinger)